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Clemens Brentano : Im Reich der Phantasie

Clemens Brentano, "Gockel, Hinkel und Gackeleia. Mährchen, wieder erzählt von Clemens Brentano", Frankfurt am Main 1838. Buch mit einer handschriftlichen Widmung von Marianne von Willemer. Bild: Romantikmuseum, Patenschaftsserie

Mit Märchen und Liedern wollte sich Clemens Brentano weiterentwickeln: In „Gockel, Hinkel, Gakeleia“ hat der Frankfurter Kaufmannssohn das verschlungene Erzählen aus der Tradition arabischer Blütenornamentik auf die Spitze getrieben.

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          Er fühlte sich von seiner Phantasie oft überwältigt. Kein Wunder, dass Clemens Brentano Zuflucht in der Arabeske suchte, einem romantischen Modus poetischer Bewältigung. In seinem Märchen „Gockel, Hinkel, Gakeleia“ hat der Frankfurter Kaufmannssohn das verschlungene Erzählen aus der Tradition arabischer Blütenornamentik auf die Spitze getrieben. Auch der Leser fühlt sich von dem überquellenden Born Brentano’scher Phantasie überwältigt. Was ihn erwartet, zeigt ihm schon das Titelbild der Ausgabe, für die Freunde des neben dem Goethehaus entstehenden Romantikmuseums eine Objektpatenschaft übernehmen können. Die Lithographie gleicht einem heutigen Wimmelbild. Selbst ein Gespräch über das Märchen mit Wolfgang Bunzel, Leiter der Brentano-Abteilung des Freien Deutschen Hochstifts und exzellenter Kenner der romantischen Materie, entwickelt sich arabesk: vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom Papst auf den Eierkuchen – Brentano hätte seine Freude dran. „Seine Phantasie hatte ihn im Griff“, sagt Bunzel. Uns auch.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wo anfangen, wo enden? Erst einmal zurück zu den Quellen. Das Hauptmotiv des Märchens entnahm Brentano der neapolitanischen Märchensammlung „Pentamerone“ (1634 bis 1636) von Giambattista Basile. Daneben finden sich Bezüge zur „Alektryomantia“ des Märchensammlers Johannes Praetorius, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert. All das brachte Brentano in seinem Zyklus der „Italienischen Märchen“ unter, die er wiederum seinen „Rheinmärchen“ einverleibte. Beide Zyklen wurden niemals fertig, was, typisch romantisch, auf die „virtuelle Unendlichkeit“ verweise, sagt Bunzel.

          Mit Märchen und Liedern wollte sich Brentano weiterentwickeln, weg von den Theorien der Jenaer Frühromantik mit ihrem Überschuss an Nachdenken über die „Poesie der Poesie“, hin zum Konkreten der Phantasie. Mit dem Märchen als „Universalgefäß“, so Bunzel, konnte Brentano auch als Verfasser nur eines einzigen Romans („Godwi“, 1801) romantisch sein.

          Schon zum „Großmütterchen“ gereift

          Seine erste „Gockel“-Fassung unter dem Titel „Gockel und Hinkel“ entstand 1815/16 in Berlin, mitten in einer Lebenskrise. Da war Goethe zwischen Frankfurt und Weimar gerade erotisch-poetisch mit Marianne von Willemer beschäftigt, in die sich auch Brentano einst verguckt hatte, als sie noch nicht die Frau des Frankfurter Senators von Willemer gewesen war, sondern eine kleine Tänzerin am Frankfurter Stadttheater. Am 11. Februar 1800 hatte Goethes Mutter den jungen Brentano mit zur „Geburt des Harlekins“ genommen, der Premiere einer Ballett-Pantomime. Damals entstieg die 15 Jahre junge Marianne als Harlekin einem Ei – wie das kleine Mädchen auf dem Titelbild von Brentanos Märchen. In der „Herzlichen Zueignung“, die er der zweiten Märchenfassung von 1837/38 voranstellte, erinnert er sich daran.

          Zu diesem Zeitpunkt ist die Adressatin seiner Widmung, die er zwischendurch immer wieder besucht hatte, schon zum „Großmütterchen“ gereift. So wurde Marianne von der jungen Generation tituliert. Brentano, ihr „Enkelchen“, war aber bereits 60 und damit sieben Jahre älter als sie. Er wollte zurück in die Kindheit, die ihm als Utopie ungetrübten Glücks erschien. Schließlich hatte er seine Mutter mit sechs Jahren verloren, seinen Vater mit elf und war daraufhin von einer ungeliebten Tante erzogen worden. Er flüchtete sich in die Phantasie. Als er den Namen „Vadutz“ aufschnappte, erfand er ein utopisches Reich, das er beherrschte. „Vadutz“ wurde sein Atlantis, seine Insel der Seligen, sein „Wolkenkuckucksheim“, wie Heine sagen würde.

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