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: Im Niemandsland zwischen den Kulturen

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Abwechselnd im Badeanzug und im Kostüm, in Dessous oder im Kapuzenshirt meldet sich die Frau zu Wort. Sie steht für eine Generation zwischen den Welten. Die türkische Frau, die Günfer Cölgecen in Christian ...

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          Abwechselnd im Badeanzug und im Kostüm, in Dessous oder im Kapuzenshirt meldet sich die Frau zu Wort. Sie steht für eine Generation zwischen den Welten. Die türkische Frau, die Günfer Cölgecen in Christian Scholzes "Almanya" nach Feridun Zaimoglus Buch "Kopfstoff" spielt, ist offensichtlich weit stärker als ihre männlichen Landsleute von der fehlenden Definition ihrer Rolle im Niemandsland zwischen den Kulturen betroffen.

          Günfer Cölgecen, über deren Auftritt im Internationalen Theater in Frankfurt die ganze Zeit ein Vogelkäfig mit einer eingesperrten Puppe schwebt, reflektiert in ihren Monologen eine Ernüchterung gegenüber den Deutschen - "als Kind dachte ich, sie würden alles richtig machen" -, die trotzdem nie zur echten Emanzipation reicht. Sie ist in dem neuen Land nicht angekommen, und sie leidet, weil ihr das Leben hier die Mängel in der eigenen Gesellschaft bewußtmacht. Sie sieht, daß die deutschen Frauen besser von ihren Männern behandelt werden als die türkischen, spürt aber, daß ihnen trotzdem etwas fehlt, daß viele von ihnen daher ihr Glück an der Seite eines Ausländers suchen.

          Im Internationalen Theater wird die Aufführung neben ein paar Zuschauern türkischer Herkunft von einer Schulklasse und einigen Vertreter des einheimischen, gleichermaßen aufgeklärten wie fremdenfreundlichen Mittelstands besucht. In einer Diskussion nach der Aufführung sprechen die Zuschauerinnen über die Figur der arrivierten Ausländerin. Sie hat nach deren Erfahrung Schwierigkeiten, die man ihr aufgrund ihrer Kleidung und ihres selbstsicheren Verhaltens nicht ansieht.

          Doch wem gelten Kulturangebote wie diese, die das Leben der Türken in Deutschland thematisieren? Jan Meyer, der das Internationale Theater leitet, will Deutsche ebenso wie Ausländer damit erreichen. Im Mai 2003 war bereits das "Günes Tiyatrosu" aus Ankara mit einer Mischung aus Sprech- und Musiktheater, basierend auf drei Gedichten von Achmed Hanif, zu Gast. Für Oktober war der nächste Auftritt geplant und scheiterte am fehlenden Ausreisevisum für die Akteure, was zeigt: Ein regelmäßiges Bühnenangebot für die größte Ausländergruppe in der Stadt wird es so schnell nicht geben. Das liegt auch an den begrenzten finanziellen Möglichkeiten, die ein so kleines Haus einem Solisten oder einem Ensemble aus der Türkei bieten könnte - gerade, wenn die Künstler im eigenen Land populär sind und dort gutes Geld verdienen. Als Meyer nach langen Verhandlungen das Theater Ülüm aus Ulm mit dem Stück "Memet Das" nach Frankfurt lockte, ließ sich das nur mit einem Zuschuß des Amts für multikulturelle Angelegenheiten finanzieren.

          Bei den Akteuren aus Deutschland, etwa der Tübinger Amateurgruppe, die 2000 "Kanaken-Gandhi" spielte, wird fast immer das Verhältnis zwischen den Türken und den Deutschen thematisiert. Das gilt auch für Erdin Alkan aus Mainz, der es nach einem langen Berufsleben in der Türkei hier sogar zu einer Fernsehkarriere gebracht hat. Oder für Bülen Ceyhan aus Mannheim, der in "Produzier misch net" eine ähnlich liebenswerte Karikatur des orientalischen Macho liefert wie sein bei Sat 1 verpflichteter Kollege Kaya Yanar.

          In seinem Frankfurter Kabarett Änderungsschneiderei "Die Käs" breitet Sinasi Dikmen erfolgreich seine Sicht der verschiedenen Volksgruppen, ihre unterm Blick der jeweils anderen sichtbar werdenden Absonderlichkeiten aus. Kollege Mohsin Omurca macht sich eine diebische Freude daraus, daß er mit seinem Doppelpaß ein geprüfter Deutscher sei, während die geborenen Deutschen keinerlei Qualifikation für diesen Status hätten.

          Jan Meyer würde gern drei bis vier türkische Theateraufführungen pro Jahr ins Programm nehmen, ist sich aber darüber im klaren, daß der klassische Gastarbeiter für ein Bildungs- und Kulturangebot schwer zu erreichen ist. Um die nötige Resonanz zu erreichen, bedarf es der Mithilfe anderer Institutionen wie in Nürnberg, wo das Theaterangebot für Türken vom Kulturamt gefördert wird. Bewährt hat sich der Kontakt zu Vereinen - bei der Anwerbung von Künstlern ebenso wie beim Kartenverkauf. Aber das türkische Kulturzentrum in Frankfurt hat vor allem damit zu tun, den in Amateurtheatergruppen aktiven Landsleuten eine Spielmöglichkeit zu geben.

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