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Im Gespräch: Wang Ning : Wie die Chinesen lernen, das zu tun, was sie möchten

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Zwei Welten: Wang Ning lebt seit 20 Jahren als Kalligraph in Frankfurt. Bild: Frank Röth

Ist der Westen in der Lage, Druck auf China auszuüben? Wang Ning, der seit 20 Jahren als Kalligraph in Deutschland lebt, sagt im Interview ja und nein. Und warum er sich nicht als Chinese fühlt.

          Freuen Sie sich, dass Ihre Heimat China Ehrengast der Buchmesse ist?

          Nein.

          Warum nicht?

          Ich fühle mich nicht als Chinese. Ich lebe hier seit 20 Jahren und fühle mich weder als Chinese noch als Deutscher. Ich bin ein – stinknormaler Mensch. Aber als solcher finde ich es schön, dass China als Gastland zur Buchmesse eingeladen wurde.

          Befürchten Sie, dass es im Verlauf der Messe zu Konflikten mit China kommen wird?

          Ja, das sehe ich durchaus kommen. Schauen Sie, die Vorstellungen und Denkweisen Chinas und des Westens sind doch vollkommen verschieden. Ich nenne das Beispiel Fernsehen: In China wird nur gelobt, es werden Erfolge gefeiert. In Deutschland gibt es das nicht, das ist unvorstellbar. Hier wird immer nur kritisiert. Die Herangehensweise ist eine ganz andere.

          Die chinesische Regierung spricht immer wieder vom chinesischen Weg. Was verstehen die Chinesen unter Demokratie?

          Im chinesischen Denken lässt sich Demokratie in drei Unterbegriffe aufteilen: Erstens Wahl, zweitens Freiheit und drittens Reichtum. Reichtum zieht die Chinesen mehr an, deswegen reden wir zuerst über diesen Punkt. Hier verändert sich in China derzeit sehr viel, das kann keiner bestreiten. Seit Deng Xiaoping erlebt China einen unvergleichlichen Wirtschaftsboom. Die Menschen in China sind angesichts dieser rasanten Entwicklung nicht mehr in der Lage, die Probleme zu erkennen. Sie werden geblendet und die Probleme vordergründig überdeckt.

          Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas steht außer Frage. Was ist mit den anderen Punkten: Freiheit und Wahl?

          Die Grundlage bildet der Reichtum. Erst er ermöglicht es den Chinesen, Freiheit zu erlangen. Das chinesische Zeichen für Freiheit setzt sich zusammen aus „Selbst“ und „Grund“ oder „Ursache“. Das bedeutet: Ich mache, was ich selbst möchte, aus eigenem Grund heraus. Für die Chinesen geht es bei Freiheit darum, sich selbst frei bewegen zu können. Mit dem verdienten Geld können sie nun reisen, vom Land in die Stadt und auch ins Ausland. Der dritte Punkt, die Wahl – das ist für Chinesen noch weit weg. Dafür ist die Zeit noch nicht gekommen.

          Sie glauben, Chinesen wollen nicht wählen?

          Warum überrascht Sie das? Ist es in Deutschland denn anders? Die Wahlbeteiligung nimmt doch immer weiter ab, und viele Menschen sagen, es gebe nichts zu wählen, alle Parteien seien gleich.

          Und die Chinesen?

          Wissen Sie, um wählen zu können, braucht man eine eigene Meinung. Das ist für viele Chinesen sehr schwierig. In chinesischen Gruppen redet immer nur der Chef, die anderen hören zu. Er führt, die anderen fügen sich. So ist das in China. Hier treffen wir auf einen harten Stein. Der Punkt zu wählen ist noch nicht gekommen. Ich zeige Ihnen einige Schriftzeichen. Die Zeichen „Ich“, auf dem ein Mensch eine Lanze trägt, „Vater“, das eine Hand mit einem Stock zeigt, „Fürst“ oder „Herrscher“ – sie alle sind Autoritätssymbole. Die Chinesen haben sich in ihrer Geschichte kaum mit ihrer eigenen Funktion innerhalb der Gesellschaft beschäftigt. Sie wurden ja immer geführt. Daher unterdrückt ein Chinese sein Ich. Er wagt nicht, gegen etwas Mächtigeres anzufechten. Sich eine eigene Meinung zu bilden ist nicht möglich.

          Aber es gibt doch Chinesen, die ihre Meinung sagen.

          Ja, die gibt es, aber das sind sehr wenige. Kinder widersprechen ihren Eltern. Vor allem die Jugend ist sehr offen und redet über alles. Das geht mittlerweile in China auch. Solange die Politik außen vor bleibt.

          Im Zusammenhang mit China wird immer wieder von einem Prozess gesprochen. Auch Sie tun das.

          Und das zu Recht. Vergleichen Sie mal die Situation heute mit der während der Kulturrevolution. Damals herrschte Angst und Schrecken, selbst innerhalb der eigenen Familie. China durchläuft eine Entwicklung. Alles braucht seine Zeit. Und ganz ehrlich: China ist einfach noch nicht bereit. Im chinesischen Denken gibt es eine Doppelseitigkeit – Außen und Innen. Das Außen verändert sich derzeit sehr schnell. Das kann man überall in China sehen. Aber das Innen verändert sich viel langsamer. Das braucht Zeit, und da sind sie noch nicht so weit.

          Soll der Westen warten und still sein oder Druck ausüben?

          Ist der Westen überhaupt in der Lage, Druck auszuüben? Oder wäre es klüger, zu warten? Das muss der Westen entscheiden. Ich sage: Druck ausüben? Ja. Still sein und keinen Druck ausüben? Auch ja.

          Und wie soll sich die Buchmesse zwischen Offiziellen und Dissidenten verhalten?

          Wenn ich als Gast eingeladen bin, dann bin ich Gast. Ich komme zum Gastgeber. Aber es muss im Voraus geklärt sein, wohin ich komme. Beide Seiten werden die Buchmesse nutzen, um ihren Standpunkt zu vertreten. Der Gastgeber steht dazwischen und muss moderieren. Er sollte aber nicht Partei ergreifen.

          Die Fragen stellte Michael Müller.

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