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Im Gespräch: Osmo Vänskä : Musiker müssen Individualisten bleiben

  • Aktualisiert am

Osmo Vänskä kommt mit dem Minnesota Symphony Orchestra nach Frankfurt Bild: dpa

Der finnische Dirigent Osmo Vänskä gastiert am Montag mit dem von ihm geleiteten Minnesota Symphony Orchestra in der Alten Oper. Ein Gespräch in Minneapolis, dem Sitz des Orchesters.

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          Amerikanische Orchester nutzen das Gesicht des Dirigenten mehr als europäische Orchester, sagt Osmo Vänskä. Im Interview spricht der finnische Dirigent über wunderbare Konzerte in entlegenden Gegenden, über seine Tournee in Deutschland und über seine Wahlheimat Minneapolis, in der er sich wohl fühlt.

          Herr Vänskä, hier in Minneapolis, im Eisschrank von Amerika, müssten Sie sich doch wie zu Hause fühlen?

          Das ist richtig. Der Norden von Minnesota sieht aus wie Lappland. Es gibt hier zehntausend Seen, genau wie in Finnland. Außerdem haben viele Einwohner von Minnesota skandinavische Vorfahren.

          Haben Sie vor, länger in Minneapolis zu bleiben?

          Mein Vertrag geht bis 2011. Mit dem Orchester habe ich ein gutes Niveau erreicht, und wenn etwas gut läuft, möchte man natürlich weitermachen. Wir werden sehen.

          Sie haben große Erfahrungen mit europäischen und amerikanischen Orchestern. Gibt es noch immer Unterschiede zwischen den Kontinenten?

          In ökonomischer Hinsicht sind die Unterschiede noch immer fundamental. Amerikanische Orchester werden vor allem von privaten Sponsoren, europäische Ensembles durch öffentliche Gelder finanziert.

          Wirkt sich das auf das Programm aus?

          Nein. In Europa wie in Amerika ist es gleich wichtig, interessante Programme vorzustellen. Ich garantiere Ihnen, wenn Sie immer nur Tschaikowsky, Dvoák, Beethoven spielen, bleiben die Leute weg. Zu meinem Konzept gehört es, bekannte und weniger bekannte Werke zu mischen. Nur neue Werke zu spielen, ist genauso unattraktiv wie ein Programm mit lauter bekannten Stücken. Mein Vorbild in dieser Hinsicht ist Simon Rattle mit dem Sinfonieorchester in Birmingham. Wenn sie spielten, hatten die Leute stets das Gefühl, es gebe gute Gründe für die Auswahl gerade dieser Werke.

          Simon Rattle ist ein gutes Beispiel dafür, dass Konzerte nicht nur aus musikalischen Gründen attraktiv sind. Das Charisma eines Dirigenten spielt wohl auch eine Rolle?

          Ja, auch da gibt es Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Amerikanische Orchester nutzen das Gesicht des Dirigenten mehr als europäische Orchester. Alles wird hier sehr viel stärker personalisiert, wenn man will: auf den Star konzentriert. Aber man muss vorsichtig sein mit Generalisierungen. Amerika besteht aus unterschiedlichsten Staaten. Minnesota ist nicht Florida. Das Besondere an Minnesota sind die vielen Einwanderer aus Nordeuropa und Deutschland. Daher kommt auch dieser ausgeprägte Sinn für Kultur. Die Theaterszene etwa ist nach New York die bedeutendste in ganz Amerika.

          Es gab einmal, cum grano salis, so etwas wie eine deutsche Orchesterkultur und einen amerikanischen Klang. Man sprach von brillanten Blechbläsern in Chicago und vom Breitwand-Sound des Philadelphia Orchestra. Gibt es diese Unterschiede noch? Und wenn ja, weshalb?

          Na ja, denken Sie einmal daran, dass amerikanische Orchester lange Zeit europäische Chefdirigenten hatten. Bernstein war wohl der erste Amerikaner auf dem Chefposten des New York Philharmonic. Es war George Széll, der diesen typischen Cleveland-Sound geprägt hat und Solti den Chicago-Klang. Ich persönlich möchte mit meinem Orchester einen vollen Streicherklang haben und auf keinen Fall dominierendes Blech. Um ehrlich zu sein, der Chicago-Sound war mir immer zu laut und dominant. Vielleicht ist das typisch amerikanisch: Glamour, Rampenlicht, etwas Auffallendes. Und vielleicht ist dieser runde, ausgeglichene Klang das, was europäische Orchester charakterisiert. Mir geht es um Zusammenklang. Die Musiker müssen gleich atmen und doch ihre Individualität bewahren. Das klingt paradox, aber das ist das Geheimnis. In einem Team müssen alle das gleiche Ziel haben, und jeder muss seine eigentümlichen Fähigkeiten dafür einsetzen.

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