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Im Gespräch: Jim Rakete : Der Elfmeter des Fotografen

Die Schriftstellerin Julia Franck, fotografiert von Jim Rakete Bild: Schirmer/Mosel

Willy Brandt hat er 1965 auf demselben Film porträtiert wie das Meerschweinchen seiner Schwester. Jetzt hat der Fotograf Jim Rakete mit einer Linhof Plattenkamera „Prominente“ auf alte Art fotografiert. Eine Auswahl davon zeigt er im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt.

          7 Min.

          Willy Brandt hat er 1965 auf demselben Film porträtiert wie das Meerschweinchen seiner Schwester. Damals hat Jim Rakete lieber die Namen von Kameras als von Bands ins Schulpult geritzt. Vielleicht, sagt er, wäre er auch Schlagzeuger geworden - oder hätte eine Tankstelle gekauft. Rakete, der 1951 in Berlin geboren wurde, wo er lebt, wurde dann aber doch ein ziemlich berühmter Fotograf. Außerdem hat er in seiner „Fabrik“ mal Künstler wie Nena oder Nina Hagen gemanagt und viele Projekte mehr unternommen. Am meisten aber fasziniert ihn das Geheimnis der Fotografie. Deshalb hat sich Jim Rakete für das Buch und die Ausstellung „1/8 sec.“ einer Herausforderung gestellt: Mit einer Linhof Plattenkamera hat er auf alte Art Menschen von heute fotografiert, die man „Prominente“ nennt. Viele davon sind Schauspieler und Regisseure - eine Auswahl ist von Dienstag an bis zum 4. Januar im Deutschen Filmmuseum zu sehen. Vom 25. Oktober an spricht Rakete dort in einer Reihe mit einigen der Porträtierten. In seinen Fotografien konzentriert er den Augenblick, im Gespräch pflegt er die geistvolle Abschweifung. Vom Fotografieren, von der Vergänglichkeit und, vielleicht, der Kunst, kommt er zu Updike, dem Luxus eines Schnitzels und darauf, dass Qualität bedeutet, zu verzichten. Jim Rakete behauptet, kein Erzähler zu sein, zumindest nicht mit Worten - das widerlegt er selbstredend.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine Achtelsekunde klingt nicht gerade lang?

          Na – man kann sich ja nicht bewegen. Und manchmal waren es auch mehr. Bei Mario Adorf am See war es so dunkel, dass wir zwei Sekunden gebraucht haben. Es ist jedenfalls verrückt, dass dieses Projekt, das einfachste der Welt – nämlich: „Setz dich mal hin, halt still, nicht denken, guck einfach mal her“ –, so ein Kraftakt war. Es fällt den Leuten schwer, mit dieser überkommenen Technik . . .

          Was machen Sie in der Zeit, in der die Leute stillstehen müssen?

          Ich bete. Das ist kein Witz. Dass die nicht wackeln, dass ich alles richtig gemacht habe. Das ist mein Elfmeter. Absolut.

          Warum?

          Man hat nicht so viele Versuche. Wenn sich da zehn Platten stapeln . . . Fotografiert werden ist unheimlich anstrengend. Für mich ist das nichts, das müssen die anderen machen.

          In dem Moment klingelt Raketes Handy, und weil es dabei um Mehmet Kurtulus, den Schauspieler, geht, kommt Rakete, weil ihm das immer so geht, auf David Mamet.

          Den finde ich toll!

          Warum?

          Mamet geht genau wie ich aus dem Kino, wenn der Satz erscheint: „based on a true story“. Was wird dadurch besser? Das ist die Entschuldigung für unschlüssiges Schreiben. Dann kann man behaupten: Das war die Wirklichkeit.

          Weil Rakete an dieser Stelle sofort der neue Film von Uli Edel, „Der Baader Meinhof Komplex“, einfällt, landet er bei der Wirklichkeit, nämlich dort, wo alles anfing: Als er selbst, mit 16 Jahren, als Praktikant bei dem Fotografen Ludwig Binder arbeitete und Benno Ohnesorg erschossen wurde. Als er alle die Leute, die heute zu Geschichtsfilmen geworden sind, gesehen hat. Weshalb es auch eine Wochenschau über eine Demonstration gibt, bei der man sieht, wie der blutjunge Rakete von einem Wasserwerfer von einer Laterne gespült wird. Weshalb, um wieder zurückzukommen, die Wirklichkeit im Kino eine vertrackte Sache ist.

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