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Im Gespräch: Heiner Goebbels : „Am Ort sein hat etwas Spießiges“

  • Aktualisiert am

Bekommt den Binding-Kulturpreis verliehen: Heiner Goebbels Bild: dpa

Frankfurter Künstler, aber Kosmopolit: Der Komponist und Musiktheatermacher Heiner Goebbels bekommt den Binding-Kulturpreis. Eva-Maria Magel sprach mit ihm über Frankfurt und die Theaterwelt.

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          Frankfurter Künstler, aber Kosmopolit: Der Komponist und Musiktheatermacher Heiner Goebbels bekommt den Binding-Kulturpreis. Ein Gespräch über Frankfurt und die Theaterwelt.

          Herr Goebbels, momentan sind sie Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin, was machen Sie denn da so?

          Vor allem Mittag essen. Eine feste Größe ist dort der gemeinsame Lunch und der interdisziplinäre Austausch dabei – mit Professoren aus der ganzen Welt, aus allen möglichen Wissenschaften. Das ist sehr anregend und stellt die eigenen Positionen ständig in Frage. In der eigenen Forschung ist man frei. Ich arbeite gerade an einem neuen Musiktheaterstück für das Hilliard Ensemble, das im August in Edinburgh uraufgeführt wird. Im September kommt es nach Frankfurt.

          Sie bekommen hier in Frankfurt den Binding-Kulturpreis, was haben Sie gedacht, als Sie das erfuhren?

          Ich war überrascht. Ich trinke nämlich gar kein Bier. Aber ich habe mich natürlich sehr gefreut. Das zeigt ja, dass meine Arbeiten in Frankfurt doch sehr genau und kontinuierlich wahrgenommen werden. Mit Schauspiel Frankfurt als Koproduzenten war es möglich, viele Arbeiten der letzten Jahre hier zu zeigen.

          Aber Sie produzieren Ihre neuen Arbeiten nicht in der Stadt.

          Die Zeit des TAT, auch noch im Bockenheimer Depot, war für mich sehr wichtig, da ist zum Beispiel „Schwarz auf Weiß“ entstanden. Aber mit der Vergabe des TAT an William Forsythe und endgültig mit der Schließung war das vorbei (siehe auch: William Forsythe im Gespräch: „Frankfurt war einmal die Tanzstadt Deutschlands“). Seit 1998 produziere ich in der Schweiz, im Théâtre Vidy Lausanne. Das ist ein Theater ohne Ensemble, mit kleiner technischer Crew, da kann jede Produktion und das, was sie braucht, neu und frei verhandelt werden.

          Bedauern sie den Abbau der Strukturen hier?

          Ich hatte nie ein forderndes Verhältnis zur Stadt. Es gibt Städte, in der die Kunst einen repräsentativeren Platz einnimmt als hier. Aber repräsentative Kunst ist nicht immer die bessere. Ich probe in der Schweiz direkt am Genfer See, mit einem phantastischen Team, das anschließend die Stücke auf den Gastspielen international betreut. „Stifters Dinge“ etwa wäre woanders kaum möglich gewesen. Für mich ist das also kein persönliches Problem.

          Wenn Sie auf Frankfurt schauen, fehlt dort so ein Produktionsort?

          Es gibt hier den Mousonturm, der ähnlich arbeiten kann. Das ist ein hervorragendes Laboratorium und eine wichtige Spielstätte auch für den experimentellen Nachwuchs, vor allem in Tanz, Performance und den angrenzenden Künsten. Es gibt allerdings durch seine Größe und Budgets Einschränkungen. Die meisten meiner Arbeiten passen da leider nicht rein.

          Mit denen haben Sie hier im Schauspiel beziehungsweise im Depot gastiert.

          Ich habe nichts gegen Gastspiele. Im Gegenteil: ein Gastspiel kann eine sehr wichtige singuläre künstlerische Erfahrung sein. Das weiß ich aus eigener Zuschauererfahrung. Einige starke Aufführungen haben mein Leben verändert. Dazu muss ich nicht mit den Künstlern in dieselbe Eckkneipe gehen. Dieses „am Ort sein“, das man oft im Mythos des Ensemblegedankens im Theater findet, hat für mich immer auch etwas Spießiges und Provinzielles. Das kann auch sehr beharrend sein und passt irgendwie nicht mehr in diese Zeit. In die Kunst sowieso nicht.

          Nichtsdestotrotz leben Sie seit 35 Jahren in Frankfurt. Was bedeutet Frankfurt für Sie?

          Es ist ein hervorragender Ort zum Arbeiten. In Berlin komme ich nicht dazu. Und es gibt hier einen guten Flughafen mit direkten Verbindungen überall hin. Es gibt weniger Nischen, weniger Parallelgesellschaften; das ist nicht immer angenehm, aber realistisch. Und das ist auch eine Qualität, die diese Stadt und das, was in ihr entsteht, wirklich ausmacht.

          Sehen Sie sich als Frankfurter Künstler?

          Trotz aller Reisen habe ich den größten Teil meines Lebens hier verbracht und habe vor, das weiter zu tun.

          Sie sind Direktor des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaften an der Universität Gießen und Präsident der Hessischen Theaterakademie. Sind Frankfurt und die Rhein-Main-Region ein guter Ort für den Nachwuchs?

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