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Frankfurter Volksbühne : Wohnungsnot und Verteilungskampf

Mensch und Möbel: Nicht immer ist für alle Platz. Bild: Wolfgang Runkel

Bühnenraum steht leer, Mietobjekte sind durchgängig gefragt: Der Cantate-Saal in Frankfurt zeigt mit „Drei Zimmer, Küche, Hinterbühne – Eine Besichtigung“ die Chancenlosigkeit bei der Wohnungssuche auf.

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          Wohnraum wird immer knapper und teurer, die Tage, an denen Theater gespielt wird, scheinen hingegen gezählt. Bühnenraum steht jedenfalls in diesem Corona-Jahr oft leer, und die Zuschauersäle sind chronisch unterbelegt. Da könnte jemand auf die Idee kommen, dem Mietnotstand abzuhelfen und etwa den Cantate-Saal, in dem die Fliegende Volksbühne nach langem Herumschwirren endlich ein heimatliches Nest gefunden hat, schleunigst in die Hände eines Maklers zu legen, der nach solventen Interessenten Ausschau hält. Rainer Dachselt hat diese Idee nun tatsächlich ausgesponnen und in die Form eines Stücks, nein: eher einer Revue gebracht, in die er ein gerüttelt Maß künstlerischer Verzweiflung über die gegenwärtige Situation mischt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Schließlich trifft es derzeit vor allem die besonders hart, die von einem Publikum leben, vom Spiel vor real existierenden Personen. Schauspieler, Musiker, Tänzer, Bühnentechniker und Veranstalter aller Art haben existenziell mit den Einschränkungen und Vorschriften zu kämpfen, mit denen die Pandemie im Zaum gehalten werden soll.

          Dass prekär Beschäftigte auf dem Wohnungsmarkt gegenwärtig erst recht kaum eine Chance haben, ist einer der Nebenaspekte in „Drei Zimmer, Küche, Hinterbühne – Eine Besichtigung“, die jetzt Premiere hatte. Dass am Ende das Theater das Theater bleibt, ist die trotzige Pointe des keineswegs in dramatischen Wendungen zu einem tragischen Höhepunkt, sondern von einer grotesken Szene zur anderen dahinmäandernden Werks. Ihm ist die aktuelle Lage Tragödie genug, die der Künstler und der Kunst. Während der Immobilienmann weiß, dass genau darin die wahren, nämlich pekuniären Werte liegen: Lage, Lage, Lage.

          Sebastian Muskalla gibt den Makler als windiges Klischee eines Dienstleisters, der nicht müde wird, die „Wertigkeit“ des Filetstücks hervorzuheben. Dass eine Tänzerin (Ekaterina Khmara) auf der Bühne ein einsames Bewegungstheater aufführt, kommt ihm da zupass: „Mit Tänzern wird alles noch wertiger!“ Als eine Schauspielerin auftritt, geht es um deren Eignung als Mieterin: Sie hat schon von Berufs wegen schlechte Karten, da winkt der Maler gleich ab.

          Was erzählt wird, geht sie unmittelbar an

          Die von Ulrike Kinbach auf gewohnt urkomische Weise gespielte Mimin lässt sich jedoch nicht abwimmeln, es kommt zu Szenen, die das Türenknallen klassischer Komödien persiflieren, nur dass hier auch eine Herdklappe als Ausgang dient. Die Dame hat zudem einige Erkenntnisse parat, die sie uns teilweise in Mundart mitteilt: „Geld allaans macht ned glücklich, es muss aach e Häusche dabeisein.“

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          Gesungen wird ab und an, vom Wunsch nach einem Apartment oder von den „little boxes“, den gesichtslosen Einfamilienhäusern der Vorstädte. Eine kurze Geschichte der nunmehr als Volksbühne im Großen Hirschgraben etablierten Institution mit Michael Quast als Prinzipal wird in Form eines Chors wie in einem antiken Trauerspiel dargeboten. Ganz schön durchdringend, die gesprochenen Strophen, wo doch nur vier Akteure agieren. Unter ihnen Dachselt, der Autor höchstselbst. Die Einheit von (Bühnen-)Ort und (Besichtigungs-)Zeit wird durch die des Bühnenschriftstellers mit sich selbst ergänzt. Überhaupt: Wie in einer Kippfigur sind Realität und Fiktion untrennbar verbunden. Die Bühne, um die es geht, ist die, auf der die Akteure spielen. Was erzählt wird, geht sie unmittelbar an.

          Und dann verfallen sie in Knittelverse, wie sie Goethe seinen Protagonisten im „Faust“ in den Mund legt. Später in die Diktion von Bertolt Brecht und die der Songs, die er zusammen mit Kurt Weill schrieb. Das Thema weitet sich: Wohin mit den Menschen, wenn Frankfurt an seinen Rändern nicht genug Wohnungen bauen kann? Und wem gehört die Stadt? Für die Musik ist Michael Lohmann verantwortlich, die Regie übernahm Matthias Faltz. Die Möbel, die auf der Bühne stehen (Ausstattung: Christian Robert Müller), wirken, als stammten sie aus einem Cartoon. Nur dass sie dreidimensional sind. Auch das findet sich im Theater öfters: ein Traum vom Schöner Wohnen. Eine Sehnsucht, die im echten Leben häufig unerfüllt bleibt. Wie die Hoffnung des Maklers, das Theater in eine Wohnimmobilie umzuwandeln. Das Publikum kann jetzt dort ein amüsantes, mitunter aber auch schwer melancholisches, auf jeden Fall absolut zeitgenössisches Kammerspiel erleben.

          Nächste Vorstellungen in der Volksbühne am 31. Oktober und 6. November von jeweils 19.30 Uhr an.

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