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Dirigent Andrés Orozco-Estrada : Mit viel Gefühl

Jedes Detail muss sitzen: Andrés Orozco-Estrada probt mit dem hr-Sinfonieorchester. Bild: Diana Cabrera Rojas

Andrés Orozco-Estrada hofft auf „eine schöne neue Saison“, seine letzte als Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters in Frankfurt: 2021 wechselt er zu den Wiener Symphonikern.

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          Am Frankfurter Flughafen sind sich Andrés Orozco-Estrada und Stephan Pauly schon vor etwa einem Monat zufällig auf dem gemeinsamen Weg nach Wien begegnet. Der Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters ist zwar noch die kommende Saison über in Frankfurt beschäftigt, doch wechselt er zur Spielzeit 2021/22 in gleicher Funktion zu den Wiener Symphoniker, der Chef der Alten Oper übernimmt unterdessen schon nach dieser Sommerpause die Intendanz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Damit ist Pauly dann für das Gebäude des Musikvereins samt dem berühmten Goldenen Saal zuständig, einer Hauptspielstätte der Wiener Symphoniker. Tatsächlich hätten sie schon über einige Ideen für Reihen und mögliche Solisten gesprochen, freut sich Andrés Orozco-Estrada, der bereits mit 20 Jahren aus Kolumbien zum Studium an die Wiener Musikhochschule kam, seit langem mit seiner Familie in der Donaumetropole wohnt und sogar einen österreichischen Pass hat.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch als vormaliger Chefdirigent des Wiener Tonkünstler-Orchesters kennt Orozco-Estrada die Musikstadt, die als solche aber als „Höhle des Löwen“ gilt, aus dem Effeff und weiß so auch um die Unterschiede zu Frankfurt. Das Publikum, die Musiker und alle Mitstreiter habe er hier stets als sehr offen und aufgeschlossen gegenüber Innovationen erlebt: „Man traut sich hier andere Dinge“, lobt der Wahl-Wiener. Als typisch deutsch empfindet er, dass Autoritäten hinterfragt würden. Die Musiker wüssten mitunter schon gerne, warum sie dieses oder jenes so oder so machen sollten – ganz anders als in Amerika, wo er als Chefdirigent des Houston Symphony Orchestra noch nie mit solchen Fragen konfrontiert worden sei, wie Orozco-Estrada versichert. In Wien machte er als junger Dirigent indes noch ganz andere Erfahrungen: Als er in einer Bruckner-Sinfonie die Hornisten gebeten habe, etwas leiser zu spielen, hätten diese sich zunächst einfach geweigert mit dem Argument, das sei immer so laut gespielt worden, sozusagen seit Lebzeiten des Komponisten.

          Die unterschiedlichen Traditionen eines Orchesters hinsichtlich des Klangs und des Repertoires zu erkennen, zu pflegen und weiterzuentwickeln, hält Orozco-Estrada für eine der wichtigsten Aufgaben eines Chefdirigenten. Sein Frankfurter Amtsvorgänger Paavo Järvi habe ihm das hr-Sinfonieorchester 2014 allerdings schon auf sehr hohem Niveau übergeben und ihm im einzigen Vorabgespräch gesagt: „Sie können mit diesem Orchester machen, was sie wollen.“ Seinem designierten Nachfolger Alain Altinoglu könne er das demnächst ebenfalls sagen, ergänzt nur um den Zusatz: „Man muss nur genau wissen, was man will“, lacht Orozco-Estrada.

          Zuversicht während Corona-Zeit

          Ein besonderes Anliegen sei ihm in den zurückliegenden sieben Jahren gewesen, durch direkte Kommunikation in den Proben und auch in den Konzerten „menschliche Wärme und Nähe“ zu vermitteln und „mehr die seelischen Zustände der Musik in den Vordergrund zu stellen, mit viel Gefühl“. Mit dem neuen Format „Spotlight“, bei dem er jeweils ein Werk mit Klangbeispielen erläutert, ist ihm das oft so gut gelungen, dass ihm die Herzen vieler Zuhörer nur so zuflogen. Gleiches galt für das sommerliche Open-Air-Konzert des hr-Sinfonieorchesters vor 20.000 Zuhörern an der Weseler Werft. Im Vorjahr schon geleitet von Altinoglu, muss diese Klassik-Großveranstaltung dieses Jahr natürlich ausfallen, ebenso wie das Rheingau Musik Festival. Sein traditionelles Konzert in der Basilika von Kloster Eberbach hat das hr-Sinfonieorchester so am vergangenen Wochenende unter Orozco-Estradas Leitung mit der Violin-Solistin Lisa Batiashvili, die im Rheingau „Artist in Residence“ sein sollte, als live übertragene Benefizgala ohne Publikum zugunsten der Stiftung des Festivals gestaltet.

          Geprobt hat das Orchester in kleiner Besetzung dafür wie auch für seine gut angenommenen Streaming-Angebote nun schon öfters wieder im Sendesaal. Konzerte mit Abstandsgeboten, wie in der Oper oder in den Staatstheatern der Region, wird es dort in dieser ohnehin bald beendeten Saison aber nicht mehr geben. Er hoffe jetzt auf eine schöne nächste Spielzeit, gibt sich Orozco-Estrada zuversichtlich. Nachgeholt werden soll im Dezember unter anderem die ursprünglich für Mai geplante Aufführung der neunten Sinfonie von Gustav Mahler und zum Abschied des Chefdirigenten im Juni 2021 die Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss, beides Komponisten, mit denen sich er sich gemäß alter Tradition des hr-Sinfonieorchesters viel beschäftigt hat.

          Ein in Deutschland selten aufgeführtes Werk wird er mit dem Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ des österreichischen Spätromantikers Franz Schmidt dirigieren. Für den Fall, dass all das durch die Corona-Pandemie verhindert werde, würden derzeit Alternativprogramme zusammengestellt. Doch in seiner optimistischen Art mag der Chefdirigent die Hoffnung auf weitere Lockerungen noch nicht aufgeben: Man glaube nicht, was derzeit in Österreich schon wieder alles möglich sei.

          Benefizkonzert des hr-Sinfonieorchesters

          Eine erweiterte Sendung mit dem Eberbacher Benefizkonzert des hr-Sinfonieorchesters ist jeweils um 20.15 Uhr am Sonntag, 28. Juni, im hr-Fernsehen und am Samstag, 11. Juli, auf 3sat zu sehen.

           

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