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Hörstück von Heiner Goebbels : Wieder zurück am Flügel

Heiner Goebbels spielt wieder selbst: live und in seinem neuen Hörstück „Gegenwärtig lebe ich allein ...“ . Bild: dpa

Heiner Goebbels hat sich ein weiteres Mal mit dem Werk Henri Michaux’ beschäftigt. Nun wird sein Hörstück uraufgeführt – und eine Theaterfassung ist im Entstehen.

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          Einen „Moment, der mit mir übereinstimmt“, sucht diese Stimme. In einem Zimmer, in dem mit einem Mal das Federbett einen Schrei ausstößt und hochschnellt, in dem eine Leiche aus dem Schrank kippt. „Welch ein Vergnügen hingegen, ein Wiesel zusammenzuschlagen“, sagt diese sirrende, vieldeutige Stimme.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Moment der Übereinstimmung ist im Lauf des Jahres 2020 aus Heiner Goebbels’ Beschäftigung mit dem Dichter und Maler Henri Michaux (1899–1984) geworden. Nun ist seine Klangskulptur in neun Bildern, nach einer intensiven sommerlichen Arbeitsphase und späteren Optimierungen im Studio, fertig: das Hörstück „Gegenwärtig lebe ich allein ...“ geht am 7. Januar auf Sendung.

          Ein intensives Hörerlebnis, das Goebbels am Klavier und im Studio eingespielt hat, zusammen mit David Bennent, den er seit vielen Jahren kennt. Der Schauspieler, der fließend Deutsch und Französisch spricht, hat schon oft mit Goebbels gearbeitet. Und in dessen Musiktheaterstück „Landschaft mit entfernten Verwandten“ hat Bennent schon einmal Texte von Michaux gesprochen. Nun lässt er, zwischen beiden Sprachen hin- und hergleitend, die Worte wie im Raum stehen – und wer eine gute Akustik oder gute Kopfhörer hat, kann das regelrecht plastisch hören. „Es ist immer die Nacht, die zurückkehrt, der leere Raum, aber lauernd“, sirrt es durch die Saitenklänge des Klaviers.

          Den Text nicht auf seine Bedeutung verengen

          „Meine Geschichte mit Michaux geht lange zurück. Vor 20 Jahren habe ich mit der Choreographin Mathilde Monnier an drei Stücken gearbeitet, die von seinen Texten inspiriert waren.“ Dessen „Gestik, sein Misstrauen in die Sprache, der Rhythmus der Worte“ faszinieren Goebbels. Sie könnten auch der Grund sein, dass zeitgenössische Choreographen und Musiker sich von ihm inspirieren lassen. Wobei die einen sich für das bildnerische Werk interessieren und die anderen für die Literatur. „Michaux bestand auf einer starken Trennung zwischen den beiden Disziplinen. Je mehr ich mich mit ihm beschäftige, merke ich, wie getrennt die beiden Sphären wahrgenommen werden. Ich treffe Kunsthistoriker, denen sein literarisches Werk unbekannt ist, und umgekehrt.“

          „Die Nichtintentionalität, die vor allem Grundlage seiner Malerei ist – das hat mich affiziert“, sagt Goebbels. In der Musik versuche er das zu praktizieren: „Indem ich Dinge ins Klavier werfe, schaue, was mit dem Klang passiert, und diesen dann in Bezug zu einem Text setze, der von etwas ganz anderem handelt. Damit der Text nicht auf eine Bedeutung verengt wird. Daher schätze ich auch die Stimme von David Bennent so sehr: weil sie bedeutungsoffen sein kann. Damit sich der Sinn auf unserer Seite der Wahrnehmung, auf der des Hörers, ereignet.“

          Dennoch hat Goebbels’ Arbeit an „Gegenwärtig lebe ich allein ...“ mit Lektüre begonnen. Und mit unverhoffter Zeit: Am 8. März 2020 ist er das letzte Mal mit dem Flugzeug unterwegs gewesen, nachdem in Porto sein Orchesterzyklus „Surrogate Cities“ aufgeführt worden war. „Die ersten Monate habe ich durchaus genossen, als eine Art überraschender Ruhe. Dann hat mich aber die Tatsache ungeduldig gemacht, dass viele mit mir geplante Veranstaltungen von den Theatern, Festivals, Konzerthäusern oft erst wenige Wochen vorher abgesagt wurden, obwohl schon seit Monaten längst klar war, dass sie nicht stattfinden können. Wahrscheinlich um Regressansprüche zu vermeiden. Aber für die Mitwirkenden ist das eine völlig sinnlose und überflüssige Zeit, die man hätte besser nutzen können. Dadurch ist vielleicht auch diese Unruhe und Energie entstanden, die im Hörstück zu hören ist“, vermutet er. Geduld sei nicht seine hervorstechendste Eigenschaft. Weshalb er sich auch eine möglichst rasche Erstsendung des Hörstücks gewünscht hat.

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