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Hölderlin-Woche in Frankfurt : Die Liebe und der Asphalt

Willst du mit mir gehen? Auf dem Hölderlinpfad zwischen Bad Homburg und Frankfurt, hier an der Frankfurter Taubenstraße Bild: Frank Rumpenhorst

Der Audiowalk „Hölderlin Heterotopia“ macht es möglich, mit dem Dichter durch Frankfurt zu streifen. Dabei wandert oder radelt der Zuhörer nicht einfach zu Hölderlin-Orten, sondern legt Hölderlin in seine Welt hinein.

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          Hätte Hölderlin doch schon mit dem Fahrrad flitzen können. Er wäre vermutlich nicht nur einmal im Monat, jeden ersten Donnerstag, zu seiner Diotima geeilt, von Bad Homburg nach Frankfurt oder an dessen Stadtrand, zum Adlerflychthof. Wer weiß, was dann noch für Briefe und Gedichte entstanden wären. Wer sich Hölderlin so als Asphalt-Literaten vorstellt, mitten im Frankfurter Straßenverkehr, bei dem wirkt schon, was Akira Takayama uns mit seinem Audiowalk „Hölderlin Heterotopia“ vorschlägt: Wir wandern oder radeln nicht einfach zu Hölderlin-Orten, sondern legen Hölderlin in unsere Welt hinein.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Den 22 Kilometer langen Hölderlinpfad zwischen Bad Homburg und Frankfurt hat der japanische Künstler, der immer wieder Eingriffe in den öffentlichen Raum gestaltet, zu einem Audiowalk gemacht, pünktlich zum „Bergfest“ des Hölderlin-Jahres. In die Feiern zum 250. Geburtstag des Dichters am 20. März, die in der Region vom Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main gebündelt werden, hat Corona, wie Kuratorin Julia Cloot sagt, zwar kräftig hineinregiert, aber trotzdem können rund 60 Veranstaltungen stattfinden oder nachgeholt werden.

          Eine Welt mit eigenen Gesetzen

          Und als hätte man es bei der Planung geahnt, ist Takayamas „Hölderlin Heterotopia“ nicht nur eine nachhaltige Veranstaltung, weil die Smartphone-App mit den literarischen Texten rund um Hölderlin von jetzt an dauerhaft und kostenlos existieren wird, sondern auch eine, die unter Pandemiebedingungen bestens funktioniert. Denn jeder hört für sich allein, mit Knopf im Ohr, auch das kleine Grüppchen, das am Samstag vor dem Goethe-Haus steht, um die Frankfurter Hölderlin-Festwoche mit dem Audiowalk zu eröffnen.

          In seinen knapp zweieinhalb Frankfurter Jahren ist Hölderlin glücklich, gesund und schaffensfroh gewesen. Und sehr, sehr verliebt. Bis Susette Gontards Ehemann 1798 das Arbeitsverhältnis beendete, worauf Hölderlin in Bad Homburg unterkam. Für „Hölderlin Heterotopia“ bedient sich Takayama einer Denkfigur Michel Foucaults, mit der er schon oft gearbeitet hat, der „Heterotopie“. Eine Welt mit eigenen Gesetzen, mitten in der realen Welt und doch ganz für sich. So wie Stammtischzirkel oder Krankenhäuser. Oder nun: jeder, der sich als Wanderer wie einst Hölderlin oder auf dem Fahrrad auf „Hölderlin Heterotopia“ einlässt.

          Auch einfach durchbrennen können

          14 Künstler von Elfriede Jelinek und Navid Kermani über Jan Philipp Reemtsma bis zu Helene Hegemann hat Takayama in der App versammelt, an festen Orten des Pfads können Audiodateien freigeschaltet werden. Die einen bringen uns sein Leben näher, wie Reemtsma, der sich vorstellt, wie Hölderlin und Susette gemeinsam Wieland gelesen haben. Hegemann hingegen quält sich am Dornbusch damit herum, einen Text für Takayama schreiben zu müssen, und kommt auf den kühnen Gedanken, Hölderlin und Susette hätten doch auch einfach durchbrennen können.

          Ob von Bad Homburg nach Frankfurt oder umgekehrt: „Es ist wirklich nicht romantisch auf dem Hölderlinpfad“ sagt Matthias Pees, Intendant des Mousonturms. 1798 war Frankfurt noch lange nicht fast bis an den Rand von Bad Homburg gewuchert. Hölderlin durchquerte Wald und Weide, heute führt der Weg an zwei Autobahnen vorbei. Hier und da lässt Takayamas Route eine Falafelbude oder das Flüchtlingsheim in Bonames mit Hölderlins Wanderer- und Fremdheitsgedanken zusammenfallen.

          Seine Texte werden von den in Frankfurt heimisch gewordenen Flüchtlingen gelesen, die vor drei Jahren in seiner „Radio University“ mitgemacht haben. Die weiten Gedankenreisen Hölderlins kreuzen sich in den Texten und Stimmen, im Ohr der Wandernden. Auf dem Fahrrad schafft man den Weg ungefähr so schnell, wie Hölderlin ihn geschafft haben soll, in drei, vier Stunden. Besser ist es, sich Zeit zu nehmen: „Hölderlin Heterotopia“ kann man beliebig unterbrechen und wieder aufnehmen.

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