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Hirnforschung : Die kohärente Welt

Die Gesetze des Rundfunks sind unerbittlich. Vor allem bei Live-Diskussionen. Gemeinsam mit dem Suhrkamp-Verlag hatte der Hessische Rundfunk zu einem Podiumsgespräch geladen, an dem Wissenschaftler sich fragten, was das Hirn im Innersten zusammenhalte.

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          Michael von Brück platzte beinahe. Der Religionswissenschaftler von der Universität München musste all seine Disziplin als Zen-Lehrer aufbieten, um seinen Redestau zu beherrschen. Eben noch hatte Benedikt Grothe, Neurobiologe aus München, vor Spekulationen in der Hirnforschung gewarnt. Eben hatte dessen Kollege Wolf Singer, Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, für den ontologischen Dualismus in Glaubenssachen plädiert, um die Grenzen menschlichen Wissens abzustecken. Eben hatte der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann eine Ethik aus dem Geist Martin Bubers im Umgang mit Tieren gefordert – und dann sollte von Brück in zwei Minuten den ontologischen Dualismus zugunsten von Drewermanns Ethik überwinden und die Willensfreiheit aus der Balance zwischen Intentionalität und Loslassen von Singer einfordern.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wenn Du denkst, Du denkst . . .“

          Die Gesetze des Rundfunks sind unerbittlich. Vor allem bei Live-Diskussionen. Gemeinsam mit dem Suhrkamp Verlag hatte der Hessische Rundfunk zu einem Podiumsgespräch in den Sendesaal geladen. Unter dem Motto „Wenn Du denkst, Du denkst . . .“ krönte die von Regina Oehler und Peter Kemper (hr2-Kultur) moderierte Matinée ein Themenwochenende, an dem Wissenschaftler sich fragten, was das Hirn im Innersten zusammenhalte. Nun sollten vier Koryphäen aus Natur- und Kulturwissenschaften der Frage nachgehen, die offenbar viele bewegt: „Revolutioniert die Hirnforschung unser Selbstverständnis?“ Der Sendesaal war fast ausverkauft, das Publikum stürmte nach der Veranstaltung den gut sortierten Büchertisch und belagerte die Gesprächsteilnehmer, die bereitwillig ihre Bücher signierten.

          Michael von Brück ist weder geschwätzig noch redselig. Er hat einfach eine Menge zu sagen. Das weiß man aus seinen Büchern, und man konnte es während dieser Diskussion zumindest erahnen. Er ist auch kein Possenreißer, kein Entertainer, der sich für die Medien in Positur wirft. Eher unfreiwillig brachte er daher das Publikum zum Lachen, als er den Begriff von der „Revolution“ der Hirnforschung auf den nüchternen Sachverhalt eines Bedarfs an Fördermitteln herunterinterpretierte. Doch dann fragte er weiter, wo Singer aufgehört hatte und sich noch immer missverstanden, ja mit Geistern aus dem 18. Jahrhundert wie Lamettrie verwechselt fühlte: nach der „narzisstischen Kränkung“, die viele Kulturwissenschaftler nicht verwinden können, seit sie sich sagen lassen müssen, der Wille sei von neuronalen Wechselwirkungen zumindest „kurzfristig“, wie Grothe sagte, determiniert.

          Es ist „tröstlich, dass es in uns etwas gibt, was wir nicht verstehen“

          Unter Rückgriff auf die Streitschriften von Luther und Erasmus über den freien und unfreien Willen erwähnte von Brück beiläufig, dass der Mensch ja auch im Christentum nicht als Maß aller Dinge im Mittelpunkt stehe, sondern Gott. In den chinesischen und indischen Religionen hat der Experte für Hinduismus, Buddhismus und interreligiösen Dialog sogar etwas Ähnliches entdeckt wie Singer im Gehirn und Darwin in der Evolution: eine Welt als vernetztes, sich selbst organisierendes System. Kein Wunder, dass sich auch Singer von diesem Weltbild angesprochen fühlt, wie sein mittlerweile als Buch erschienenes Gespräch mit dem Naturwissenschaftler und buddhistischen Mönch Matthieu Ricard belegt. Meditation, erläuterte der Hirnforscher, sei keine Entspannungstechnik, sondern ein Höchstmaß an Kontrolle über das eigene, von Interferenzen gesäuberte Bewusstsein.

          Nur solch ein Bewusstsein kann Widersprüche noch besser zur sogenannten Erleuchtung integrieren als die Moderatoren dieses Gespräch. Grothe suchte vergeblich die Kontroverse mit seinem Kollegen. Singer hielt sich bedeckt und fand es „tröstlich, dass es in uns etwas gibt, was wir nicht verstehen“. Auch von Brück vermisste den Streit im Gespräch, prallte aber ebenfalls an Singers sokratischer Gelassenheit ab. Auch unsere akustische Wahrnehmung ist auf kohärente Strukturen aus, bewies Grothe mit seinen auditiven Intermezzi. Ob ein Politiker eifert oder eine Kaiman-Mutter mit ihrem Jungen plaudert – Wirbeltier-Gehirne setzen sich die Welt akustisch so zusammen, dass es ihrem Überleben dient. „Der Dualismus sollte als überwunden gelten“, resümierte von Brück. Und Singer pflichtete ihm in seinem Schlusswort bei: „Die Welt ist Kohärenz.“

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