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: Himmlische Strahlkraft, brachiale Gewalt: Das Zürcher Ballett als Gastspiel in der Frankfurter Oper

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Mit dem Ende der vergangenen Spielzeit haben die Städtischen Bühnen ihre Ballettsparte geschlossen. Ganz ohne Tanz soll Frankfurt nach dem Willen der Verantwortlichen in Zukunft dennoch nicht auskommen müssen.

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          Mit dem Ende der vergangenen Spielzeit haben die Städtischen Bühnen ihre Ballettsparte geschlossen. Ganz ohne Tanz soll Frankfurt nach dem Willen der Verantwortlichen in Zukunft dennoch nicht auskommen müssen. Über die vollmundige Ankündigung, daß nun endlich hochkarätige Tanzgastspiele in Frankfurt zu sehen seien, wundert man sich allerdings doch. Gab es die nicht vorher auch schon und sogar in größerer Zahl? Wir erinnern uns: Hatte sich das mittlerweile geschlossene TAT nicht um Künstler wie Jan Fabre, Saburo Teshigawara oder Anne Teresa de Keersmaeker verdient gemacht, noch bevor diese in der Brüsseler Munt-Oper berühmt wurde? Hatten William Forsythe und Martin Steinhoff nicht Künstler wie Trisha Brown, Merce Cunningham und Pina Bausch ebenso eingeladen wie Jiri Kylian und sein Nederlands Dans Theater? Daß die Städtischen Bühnen zur Kompensation für die beiden abgeschafften Sparten nun weiterhin Tanzgastspiele anbieten, ehrt sie. Ein Ersatz allerdings für das, was da gerade an künstlerischer Herausforderung und Kontinuität einmal war, sind sie nicht.

          Davon zeugte schon der kurzfristig anberaumte Auftakt der Gastspielreihe vergangenen November mit einer mäßigen Inszenierung des Theatermagiers Robert Wilson für das Nederlands Dans Theater III. Das Zürcher Ballett unter der Leitung von Heinz Spoerli, das derzeit im Frankfurter Opernhaus zu sehen ist, bringt das Blut eingefleischter Tanzfans auch nicht wirklich zum Kochen. Spoerlis Neo-Klassik ist zwar erstklassig, aber gut abgehangen und hätte ebenso gut in die Ballettreihe der Höchster Jahrhunderthalle gepaßt, wäre diese mit dem gesamten ernstzunehmenden Kulturprogramm der Halle nicht ebenfalls abgeschafft worden.

          Doch genug der Verlustrechnungen, die in Frankfurt nicht gerade gering ausfallen. Das Zürcher Ballett präsentiert im Opernhaus ein dreiteiliges Programm, das sich durchaus sehen lassen kann. Spoerlis Ensemble ist in bester Form, zeigt sich überaus kraftvoll, ohne dabei an Durchlässigkeit und Geschmeidigkeit zu verlieren. "All Shall Be" zur Musik von Johann Sebastian Bachs Suite in D-Dur liefert dafür gleich zu Beginn den besten Beweis. Spoerli baut seine Choreographie auf dem Trio aus, das er phasenverschoben zu größeren Einheiten zusammenfügt. So findet er stets fließende und sinnvolle Übergänge vom Kleinsten zum Größten und vermag den Gestus von Bachs festlicher Musik hervorragend in Bewegung umzusetzen.

          An Assoziationsräumen mangelt es in Spoerlis Version von Strawinskys "Le sacre du printemps", das wie "All Shall Be" 2001 uraufgeführt wurde, nicht. Massive Eisenträger durchschlagen die halbhohen Rückwände der Bühne und bieten den Tänzern zu Beginn verschiedene Auftrittsmöglichkeiten. Wie Tiere oder merkwürdige Höhlenbewohner kommen sie aus den Ecken gekrochen, balancieren auf den Metallträgern, bevor sie sich nach unten ablassen. Das Szenario (Ausstattung: Florian Etti) erinnert sowohl an Industriebrachen in Großstädten als auch an Slums, wo gewaltbereite Gruppen ihre archaischen Rituale ausführen.

          Spoerli verliert die Abgründe moderner Gesellschaften nicht aus den Augen, ohne dabei die formale Qualität der Musik tänzerisch in abstrakte Figuren aufzulösen. Vielleicht liegt in dieser Mittellage, die die Choreographie präsentiert, das Problem. Denn so richtig mitreißen will dieses "Sacre" nicht. Gerade dann, wenn es packend würde, gewinnt stets das Ornament wieder die Oberhand und schwächt die volle Wucht der stampfenden, trampelnden, sich schüttelnden und krümmenden Körper ab. Spoerli führt in seiner kraftraubenden Choreographie die Männergruppe gegen die Frauen, bildet Kreise, Halbkreise und dynamische Diagonalen, gliedert die Formationen noch einmal in kleinere Einheiten und läßt die einen vorn umfallen, während die nächsten schon wieder aufstehen.

          Nachdem die Angst die Frauen schon eine ganze Weile umgetrieben hat (immer wieder werden kurzzeitig mögliche Opfer präsentiert), kommt schließlich eine Tänzerin mit blutverschmierten Händen von einem magischen weißen Sandhaufen im hinteren Teil der Bühne nach vorn gelaufen. Yen Han geht bei ihrem Tanz der Auserwählten bis zum Äußersten, um am Ende erschöpft auf dem Sand zusammenzubrechen.

          Zwischen himmlischer Strahlkraft und brachialer Gewalt hat Spoerli Paul Lightfoots und Sol Leons Stück "Skew-Whiff" plaziert. Es stellt so etwas wie die komische Variante zeitloser Paarungsrituale dar, die im "Sacre" schließlich eskalieren sollen. Drei Männer verbiegen sich mit ebenso grotesken wie burlesken und blitzschnellen Bewegungen - drei Clowns mit offenen Mündern, die beim Auftritt der Frau allesamt lange Hälse bekommen und sich der Dame auf skurrilste Weise nähern. Am Ende gab es einen verdient langanhaltenden und stürmischen Applaus für die Kompanie und ihren Leiter. GERALD SIEGMUND

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