https://www.faz.net/-gzg-9ins7

„Kleiner Mann, was nun?“ : Hilfloses Paar im Bühnenschnee

  • -Aktualisiert am

Schreibtischopfer: Johannes (Mark Ortel) trifft auf die Wirtschaftskrise - Szene aus „Kleiner Mann, was nun?“ in Mainz Bild: Andreas Etter

Rührend schön: Das Staatstheater Mainz zeigt „Kleiner Mann, was nun?“ nach Hans Fallada. Für einen Augenblick scheint es, als siege die Liebe über jedes Unglück.

          Man kann die traurige Geschichte von Johannes Pinneberg und seiner Frau Emma, von ihm stets liebevoll Lämmchen genannt, auf vielerlei Weise erzählen. Hans Fallada hat das Schicksal der Kleinbürger in „Kleiner Mann, was nun?“, seinem größten Romanerfolg aus dem Jahr 1932, als konsequentes Abstiegsszenario erzählt, in dem die gesellschaftlichen Umstände, in diesem Fall die Arbeitslosigkeit im Deutschland der Weltwirtschaftskrise, dem Einzelnen keine Chance lassen. Nur das ganz Private, die unzerstörbare Liebe des Paares, wird nicht von den anonymen Mächten des Marktes und der Klassengesellschaft zerrieben. Ein hoffnungsloses Märchen mit einem sentimentalen Kern aus Kitschgold.

          Auch in Mainz, wo Alexander Nerlich den schon in vielen Bühnen- und Filmversionen interpretierten Roman nun als dreistündiges Theaterstück inszeniert hat, bleibt am dunklen Ende nur das hilflose „Einander-Haben“ von Johannes und Lämmchen, während effektvoll der Bühnenschnee aus Lichtflocken über sie hinwegfegt. Die eisige Schlussmetapher ist die letzte von vielen starken Ideen der Inszenierung, die ihre Kraft mehr aus der Erzeugung atmosphärisch dichter Bilder, für die vor allem Žana Bošnjaks Bühne und Kostüme und Frederik Wolleks Lichtregie verantwortlich sind, als aus intellektueller Durchdringung bezieht.

          Abstiegsängste der unteren Mittelschicht

          Die Schwarzweißmuster im Bühnenhintergrund und an den Wänden, die wenigen Requisiten und die stark typisierten, an Stummfilmszenen aus den zwanziger Jahren erinnernden Kostüme vor allem der Nebenfiguren sorgen für eine gewisse Abstraktion der Geschichte. In der Tat sucht man vergebens nach irgendwelchen Parallelen zu gegenwärtigen Abstiegsängsten der unteren Mittelschicht. Das muss keinesfalls ein Manko sein, denn der entsolidarisierte Raubtierkapitalismus, der in „Kleiner Mann, was nun?“ mehr populistisch karikiert als analysiert wird, zeigt sich heutzutage, wenn überhaupt, in subtileren Formen, auch wenn nicht wenige Regisseure im deutschen Theater vom Glauben beseelt sind, er sei brutaler denn je.

          Bodennah: Hannah von Peinen in „Kleiner Mann, was nun?“

          Nerlich greift glücklicherweise nicht nach der allerorten bereitstehenden kapitalismuskritischen Keule und verzichtet auf wohlfeil zu erlangende Aktualisierungsgewinne. Die zahlreichen wirklich zu Herzen gehenden Momente dieses Abends, die ganz ungebrochen das Paar in den Mittelpunkt rücken, muss man sich im schnöde auf Ironie und Dekonstruktion von Gefühlen setzenden Theaterbetrieb erst mal trauen. Doch so schlüssig und durchaus auch auf rührende Weise schön das alles anzusehen ist, stellt sich im Laufe des langen Abends doch die Frage: Zu welchem Ende wird dann eigentlich diese Geschichte aus lang vergangener Zeit erzählt?

          Mit groteskem Humor durchsetzt

          Die Gesellschaft, gegen deren Gewalt Lämmchen und Johannes nicht ankommen, zeigt sich in austauschbaren und durchaus auch derb satirisch zugespitzten Figuren. Konsequent werden alle Nebenrollen von fünf Schauspielern verkörpert (Vincent Doddema, Henner Momann, Hannah von Peinen, Paulina Alpen und Daniel Friedl), immer wieder greift einer von ihnen zum Mikrofon und dient als Erzähler, um an einigen notwendigen Übergängen für den nötigen dramaturgischen Kitt zu sorgen. So wirkt das Ganze stellenweise wie eine Moritat, eine schaurig-traurige, hin und wieder durchaus auch mit groteskem Humor durchsetzte Ballade. Das individuelle Schicksal ist höheren Mächten unterworfen, auf die es keinen Einfluss hat. Und wie ferngelenkte Marionetten führen die Schauspieler immer wieder stumme Körperkämpfe auf, eine Mixtur aus Pantomime und Ausdruckstanz (Choreographie Jasmin Hauck und Cecilia Wretemark).

          Wo das Individuelle so ins Zentrum gerückt wird, tragen die Hauptdarsteller besondere Last. Mark Ortel ist ein überzeugender Loser, der allerdings schon von Beginn an etwas zu defensiv wirkt, als trage er den Keim seines bevorstehenden Niedergangs bereits in sich. Ein wenig mehr Fallhöhe wäre hier noch wirkungsvoller gewesen.

          Erotik und Mütterlichkeit

          In der ohnehin dankbaren Rolle der liebenden jungen Frau, die Schwangerschaft, Geburt, Demütigungen, verschiedene Umzüge und immer neue Schicksalsschläge mit ungeheurer Vitalität, ja Lebenslust erträgt und überwindet, begeistert einmal mehr Kruna Savić, die in dieser Spielzeit von Wiesbaden nach Mainz gewechselt ist und so dem Publikum der Region erhalten bleibt. Als Lämmchen ist sie der gar nicht geheime Mittelpunkt der Inszenierung, mehr noch als Ortel ist sie keinen Moment lang Figur, sondern ganz Mensch, obwohl sie die unzerstörbare Kraft ihrer Liebe in vielen Szenen nur durch Blicke ausdrückt.

          Wenn sie ihren Johannes in einer Mischung aus Erotik und Mütterlichkeit „Jungchen“ nennt, meint man, dass einem, der so geliebt wird, in der kalten Welt eigentlich nichts passieren kann. Sie verkörpert eine fast nicht mehr irdische Urgewalt der Liebe, an die man am Ende, Kitsch hin oder her, nur zu gerne glauben möchte.

          Nächste Aufführung am 16. Januar von 19.30 Uhr an im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Mensch Merkel“ im ZDF : Die rätselhafte Kanzlerin

          Verzicht auf Antworten, wo man keine geben kann: Anlässlich ihres 65. Geburtstages zeigt das ZDF ein Porträt über Angela Merkel: „Mensch Merkel! – Widersprüche einer Kanzlerin“ fragt, ob jemand die Bundeskanzlerin wirklich kennt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.