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„Hildebrandslied“ : Helden auf Wanderschaft

Eines der ältesten Zeugnisse deutscher Dichtung: Handschrift des „Hildebrandsliedes” Bild:

Ein Monument deutscher Literaturgeschichte: 1812 untersuchten die Brüder Grimm erstmals das „Hildebrandslied“. Aufgezeichnet wurde es um das Jahr 840 in der Bibliothek des Klosters Fulda, nahe dem Ostrand des Karolingerreiches.

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          Die spinnen, die Germanen – zumindest für Leser von heute mit postgermanischen Ehrbegriffen. Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, die Hauptfiguren des einzigen in deutscher Sprache erhaltenen Heldenlieds, sahen das anders und fochten den Zweikampf, von dem das „Hildebrandslied“ berichtet. Aufgezeichnet wurde es um das Jahr 840 in der Bibliothek des Klosters Fulda, nahe dem Ostrand des Karolingerreiches.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einen Verfasser hat es nicht, es stammt aus der Zeit, als Lieder mündlich weitergegeben wurden und auf der Wanderschaft von einem Hörer zum anderen bald keine Urheber mehr hatten. Entstanden ist es zur Zeit der Völkerwanderung, Jahrhunderte, bevor ein Mönch es auf der ersten und letzten Seite einer Handschrift festhielt, in der es um etwas ganz anderes ging. Für den Geistlichen, der das Lied für die Nachwelt bewahrte, war es eine Randnotiz, für die Brüder Grimm, die es 1812 in Kassel wissenschaftlich untersuchten und herausgaben, war es ein Monument deutscher Literaturgeschichte.

          „Waltender Gott, Unheil geschieht - waltant got, wewurt skihit“

          Das Lied berichtet davon, wie Hildebrand, der zum Gefolge des Ostgotenkönigs Theoderich gehört, nach dreißig Jahren zu seiner Frau und seinem Sohn Hadubrand zurückkehrt. Dieser fordert den Vater, den er nicht erkennt, zum Zweikampf heraus. Hildebrands Hinweisen auf die wahre Sachlage misstraut er und treibt den Vater durch höhnische Bemerkungen in einen Konflikt von Ehre und Liebe, den dieser – Held, der er ist – nur zugunsten der Ehre entscheiden kann. Der Zweikampf beginnt und Hildebrand ergibt sich in sein Schicksal: „Waltender Gott, Unheil geschieht – waltant got, wewurt skihit“. Weitgehend einig sind sich die Wissenschaftler heute darin, dass das „Hildebrandslied“ in einem Dialekt niedergeschrieben wurde, der noch Spuren der Vergangenheit des Liedes im von Germanen eroberten Norditalien aufweist. Wer aber der Gott ist, den Hildebrand anruft, ist umstritten. Was die Mönche aufbewahrten, war schließlich ein Stück heidnischer Dichtung, das durch christliche Jahrhunderte gewandert ist.

          Zum Abschluss unserer Serie zum Fotowettbewerb „Literaturland Hessen“ markiert das „Hildebrandslied“ keinen literarischen Gedächtnisort, sondern einen Gedächtnisgegenstand, den die Wechselfälle der hessischen und deutschen Geschichte noch zwei Mal auf Wanderschaft schickten. Achthundert Jahre nach seiner Entstehung kam das Lied 1632 nach Kassel, mehr als dreihundert Jahre später ging es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs an dem „sicheren Ort“ verloren, an den man es ausgelagert hatte. Vermutlich hatten amerikanische Soldaten es als Andenken mitgenommen, jedenfalls tauchte der zweite Teil des Liedes Jahre nach Kriegsende in New York wieder auf und auch die erste Seite der Handschrift wurde in den Vereinigten Staaten wiedergefunden. Seit 1972 erinnern die beiden Blätter in der Universitätsbibliothek Kassel wieder daran, dass die Literatur in Hessen sehr alte und sehr weit verzweigte Wurzeln hat.

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