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Hessisches Staatsballett : Mysteriöse Gemeinschaften

  • -Aktualisiert am

Proben im Akkord: Tänzer des neuen Formats „Shortcuts“ des Hessischen Staatsballetts. Bild: Varvara Kandaurova

In dem neuen Format „Shortcuts“ des Hessischen Staatsballetts sind Choreographen dazu eingeladen, mit eigenem Stil und wenig Zeit neue Stücke zu entwickeln. Zwischen der ersten Probe und der Premiere lagen nur 16 Tage.

          „Shortcuts“ nennt das Hessische Staatsballett das neue Format dieser Spielzeit, bei dem Choreographen eingeladen sind, in sehr kurzer Zeit neue Stücke zu kreieren. Für die erste Ausgabe wurden dafür ausschließlich Choreographinnen eingeladen. Die besondere Herausforderung liegt in der wenigen gemeinsamen Arbeitszeit, denn zwischen der ersten Probe und der Premiere lagen nur 16 Tage. Doch gerade im Tanz müssen Choreographen und Tänzer zu Beginn eines Prozesses meist erst eine gemeinsame Sprache finden, sowohl auf der körperlichen als auch auf der verbalen Ebene.

          Das gilt gerade dann, wenn nicht mehr auf ein Standardrepertoire zurückgegriffen wird. In den wechselnden Arbeitskonstellationen der freien Szene kennt man das gut, aber auch die großen Häuser laden Choreographen mit deutlich verschiedenen Stilen und Ansätzen ein.

          Diese Vielfalt versprechen auch die „Shortcuts“, die nun in der Wiesbadener Wartburg Premiere hatten. Falls die knappe Zeit und das kurze Kennenlernen zwischen Choreographinnen und Tänzern zu Schwierigkeiten geführt haben, ist davon nicht viel zu spüren. Der vierteilige Abend kann gut mit länger geprobten Stücken mithalten, auch wenn hier die Abwechslung der Vertiefung vorgezogen wird.

          Okkulter Charakter

          Den Auftakt macht Wubkje Kuindersmas „Shorts“, das kraftvoll beginnt. In schicken Trainingsanzügen mit Markenlogo wechselt die Gruppe von fünf Tänzerinnen und Tänzern zwischen dynamischen Unisono-Phrasen und starken Posen. In den Tableaus erinnern sie an eine Sportmannschaft oder zumindest an eine Gruppe, die gemeinschaftliche Stärke demonstriert. Nach und nach mischen sich zarte Momente hinein, in denen sich Vertrautheit zwischen Einzelnen ausdrückt.

          In Xin Xies „Special Moment“ begegnet man einer ganz anderen Gemeinschaft. Die sechs Tänzerinnen und Tänzer tragen helle, luftige Kleidung und wirken damit eher wie die Teilnehmer an einer spirituellen Zeremonie. Die Musik von Shaofeng Jiang unterstützt diesen Eindruck. Tänzer Daniel Alwell wird nur hier und da in die Mitte gerückt, erscheint durch seine starke Bühnenpräsenz aber oftmals als Zentrum des Ganzen. Die Bewegungen sind beinahe alle weich und fließend. So entfaltet sich eine poetische, teils aber auch sehr getragene Choreographie.

          Altmodische Kleidung, pointierte Bilder

          Als Ritual versteht man auch Katarzyna Kozielskas „Kurzstrecke“. Tänzer Ramon John liegt zu Beginn in der Bühnenmitte, die übrigen sechs Tänzerinnen und Tänzer gehen im Kreis um ihn herum. Diese Kreisbewegung der Gruppe um die Mitte, die von tänzerischen Bewegungssequenzen durchsetzt ist, zieht sich durch die gesamte Choreographie und verleiht ihr einen okkulten Charakter. Man lässt sich gerne davon in den Bann ziehen, ohne jedoch überrascht zu werden. Die Frage, was für eine menschliche Gemeinschaft uns auf der Bühne präsentiert wird, stellt sich bei jeder der vier Choreographien.

          Sita Ostheimer gelingt es schließlich mit „An Extremely Small Piece of Matter“, diese Frage vom Mystischen und auch vom Pathos zu lösen. Ihr ist es in der kurzen Zeit gelungen, in der Bewegung etwas Spezifisches herauszuarbeiten, das wenig auf ein vertrautes Repertoire zurückgreifen muss. Ihre Tänzer treten in altmodisch biederer Kleidung auf, zwischen Blacks baut sie schlichte, aber pointierte Bilder. Einige Momente zeigen Anlehnungen an volkstümlichen Tanz, insgesamt zeichnet sich ihre Choreographie aber durch eine hohe Ambivalenz aus. Mit wem man es hier zu tun hat, bleibt dadurch stets ein Rätsel. Das macht ihre Arbeit besonders spannend.

          Hessisches Staatsballett

          Nächste Vorstellung am 29. Juni um 19.39 Uhr in der Wartburg.

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