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Oper : „Was soll das mit diesem Probeschuss?“

Ausgezeichnet: Dietrich Hilsdorf bei der Verleihung des Deutschen Theaterpreises 2007 Bild: picture-alliance/ dpa

Dietrich Hilsdorfs Inszenierung des „Freischütz“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden spielt im Herzen der deutschen Seele. Hilsdorf setzt die „deutsche Nationaloper“ auf anregend konsequente, mutige und konfrontationsfreudige Weise um.

          „In einem Dorf am Böhmerwald kurz nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs“ ist Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ eigentlich angesiedelt. In Dietrich Hilsdorfs Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden spielt das Geschehen nun, laut Programmheft, „im Harz. Zwischen Schierke und Elend. Am Ende des tausendjährigen Kriegs“. Dort also, wo Goethes romantische Walpurgisnacht im ersten Teil der „Faust“-Tragödie ihren Ort hat. Im Herzen Deutschlands. In der „deutschen Seele“, an einer – nach dieser Deutung – finsteren Stätte, wo Tod und Verwüstung furchtbar lange gehaust haben müssen.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Idee, den Fokus bei der zeitgemäß überaus schwierig zu interpretierenden „deutschen Nationaloper“ auf ihre Ansiedlung in einer Nachkriegszeit zu legen, ist dabei nicht neu. Hilsdorf setzt sie aber auf anregend konsequente, mutige und konfrontationsfreudige Weise so um, dass realistische, surrealistische und groteske Momente ineinanderfließen. Das Bühnenbild von Dieter Richter zeigt dazu schluchtartige Fronten ausgebrannter, ausgebombter Häuser und später auch Agathes Zimmer in einer solchen Ruine.

          Eingefügte Passagen von Kleist und Gryphius

          Hier herrscht noch der chaotische oder anarchische Zustand der Übergangsphase zwischen Krieg und Frieden. Die Jäger sind eine Gruppe versprengter Soldaten, Freischärler, die mit ihren Karabinern herumballern. Fürst Ottokar hat mit seinem Erbförster Kuno bei diesem Volkssturm das Sagen. Die schwarzen Ledermäntel, die Gebirgsjägermützen, die Aufmachung der Bäuerinnen als Trümmerfrauen (Kostüme: Renate Schmitzer) und manche Details erinnern klar, aber nicht penetrant an das Ende der Nazi-Zeit.

          Der gute Max hat, trotz ebenso bedrohlichen Anzugs, in dieser rauhen Jägertruppe keinen leichten Stand. In der Darstellung von Martin Homrich erscheint er als tapsiger Weichling, mit Brille, Bauch und schütterem Haar. Nur kurz begehrt dieser nicht wirklich stramme Max gegen das grausame Experiment auf, das der Erbförster mit ihm vorhat, wenn er denn seine Tochter Agathe heiraten will: „Was soll das eigentlich mit diesem Probeschuss?“, protestiert er winselnd, um sich bald in sein Schicksal zu fügen und zum Schluss mit dem Jungfernkranz auf dem Haupt die reine Unschuld zu mimen. Homrichs im Sinne des Stimmfachs deutscher, nicht italienisch-strahlender, eher gedeckter und etwas eng mensurierter Tenor passt zu alldem ideal.

          Eine bezeichnende Zutat Hilsdorfs ist in der mit teils stark geänderten Dialogen und eingefügten Passagen etwa von Heinrich von Kleist („An die Kinder Germanias“) oder Andreas Gryphius („Nun sind wir ganz verheeret“) gespielten Fassung, dass Maxens vermeintlich jungfräuliche Agathe schwanger ist. Mit dem Ännchen futtert sie auf der Bettkante Gurken aus dem Glas, und als die Brautjungfern in grotesker Szene vom Jungfernkranz trällern, skandiert eine böse Weibermenge zum Fenster hinein die Verse, die bei Goethe das Lieschen dem armen Gretchen unterjubelt: „Es stinkt! Sie füttert zwei, wenn sie nun isst und trinkt!“ Damit wird klar, welches Interesse der Schwiegerpapa in spe an Hochzeit und Probeschuss hat. Astrid Weber gibt dazu die Agathe mit flexibler Stimme und feinem Piano zwar entsprechend ängstlich, aber nicht als Heulsuse. Emma Pearsons Ännchen ist ihr eine treue, aber leicht eifersüchtig wirkende (Geistes-) Verwandte.

          Das Orchester nimmt es genau

          Eingefügt ist von Hilsdorf als stumme Rolle und andere Seite der reinen Mädchenherzen, aber auch als Wunschbild aus Männersicht eine laszive Regimentsbraut. Der böse Kaspar vergnügt sich mit ihr, aber auch die ach so braven Jägersleut’ sind keine männlichen Jungfrauen und fallen über das Objekt der Begierde her, nachdem sie zuvor zum berühmten „Jägerchor“ schon einen Angsthasen gequält haben. Ein Teil des Premierenpublikums quittierte das prompt mit wildem Buhsturm. Das Bild von der heiligen Hure geht am Ende auf, als die gerettete Agathe als Marienstatue emporgehoben wird.

          Ungeahnte Eindringlichkeit gewinnt im Zentrum die oft unfreiwillig komische oder peinliche Wolfsschluchtszene, die hier als Albtraum Agathes ins Surrealistische rückt: Zu jeder der von Max und Kaspar gegossenen sieben Freikugeln exekutiert die Soldateska einen Gefangenen. Beklemmend zu sehen, aber ein treffend-drastisches Bild für die satanische Forderung und Gewalt. Deutlich wird damit auch, dass beim finalen Bösewicht-Strafgericht Kaspar nur als Sündenbock fällt. Verglichen mit Thomas de Vries’ Ottokar ist er in Thomas Jesatkos Darstellung ohnehin nicht der Oberfiesling. Das Orchester nimmt es unter der Leitung von Generalmusikdirektor Marc Piollet mit der oft als einfach-volkstümlich unterschätzten Musik Webers genau und gestaltet sicher koordiniert mit der Szene. Sanglich wie darstellerisch überzeugt der Chor.

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