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„Siddhartha“ in Frankfurt : Geradezu beängstigend authentisch

Sinnsucher: Siddhartha (Jana Schulz) auf Vasudevas (Uwe Zerwer) Rücken. In der Ecke der Sohn (Torsten Flassig). Bild: Robert Schittko

Zum Haareraufen: Lisa Nielebock inszeniert Hesses „Siddhartha“ in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels. Die Hauptfigur wird nicht gespielt, sondern verkörpert.

          Siddhartha ist eine Frau, bleibt ewig jung und lebt in der Gegenwart. Nicht bei Hermann Hesse, aber auf den Brettern der Kammerspiele, und wer nur das weiß, könnte meinen, die ganze Erzählung werde umgekrempelt oder gegen den Strich gelesen. Das ist nicht der Fall. Die Ehrfurcht vor dem Text ist groß. Die Geschichte bleibt, auch wenn sie erheblich gekürzt wurde, dieselbe, und über weite Strecken wird weniger gespielt als deklamiert. Die „indische Dichtung“ kommt in der ganzen pathetischen Wucht und exotischen Wortpracht ins Theater, mit denen sie seit ihrem Erscheinen im Jahr 1922 Millionen von vermutlich vornehmlich jungen Lesern in aller Welt berührte, verzauberte, überwältigte. Auch wenn die Hesse-Lektüre im Hier und Heute nachgelassen hat, liefert er doch immer noch den besten Stoff für die Sinnsucherbanden der westlichen Hemisphäre, da kann Paolo Coelho nicht mithalten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          So zeugt die Inszenierung von Lisa Nielebock am Frankfurter Schauspiel von einer ungefilterten, unbefragten Faszination für ein Prosawerk, dessen Sprache um so mehr Leuchtkraft entwickelt, als die ganz in Schwarz gehaltene, nach hinten spitz zulaufende Bühne reduzierter nicht sein könnte. Abgesehen von Schuhen, die ausgezogen werden, und einen Kleiderwechsel, der den Übergang vom Asketen Siddhartha zum Lebemann illustriert, hantieren die fünf Schauspieler nicht mit Dingen, sondern jonglieren, wie es der Autor vorgibt, mit philosophischen Theoremen und religiösen Versatzstücken. Das klingt manchmal wie in einer Wohngemeinschaft von Philosophiestudenten und hat oft etwas Papierenes, Hergebetetes, jedenfalls Undramatisches.

          Manchmal aber brechen die Emotionen hervor, und es brodelt im philosophischen Quintett, vor allem, wenn es um die Liebe geht, die der Brahmanensohn erfährt, oder um seinen Sprössling (Torsten Flassig), der aus der Verbindung mit der Kurtisane Kamala (Anna Kubin) hervorgegangen ist: Der Jüngling schreit seinen Hass auf den allezeit fried- und verständnisvollen Vater heraus. Ein Schreckmoment. Siddhartha ist zu diesem Zeitpunkt fast am Ziel seiner Reise, er muss nur noch überwinden, dass sein Kind nichts von ihm wissen will und keinerlei Lust hatte, mit ihm und dem Fährmann Vasudeva (Uwe Zerwer, der auch Gotama und Siddharthas Vater mimt) ein stilles Leben am Fluss zu führen. Die lautmalerische Darstellung des Gewässers, an der alle Akteure beteiligt sind, zählt zu den schönsten Szenen der kargen Aufführung.

          Ein Stück, das keines ist

          Der Anti-Held kommt am Fluss zur Ruhe, was man als Altersresignation deuten könnte, wenn nicht Hesse stets das Höhere und Höchste im Blick gehabt hätte: Als Erleuchteter begegnet er seinem alten Freund Govinda (Wolfgang Vogler), der im Mönch-Sein nicht fand, was er suchte. Aber bei Siddhartha. Er hat es geschafft, auf Konsum und Unterhaltung zu verzichten, dem Materialismus abzuschwören, sich in Bescheidenheit zu üben, man könnte auch sagen: der bürgerlichen Gesellschaft zu entsagen. Ein Gegenmodell, das derzeit vielen wieder sehr erstrebenswert scheint.

          Und die Suche nach dem Ich, auf die sich die Menschen in der Pubertät machen, um sie womöglich nie zu beenden, ist ein immerwährendes Thema, dessen ausschweifende und bitterernste Behandlung den Erfolg Hesses zum Großteil begründet hat. Die Regie unternimmt nur fast nichts, um einen Zusammenhang mit Gegenwartsphänomenen herzustellen. Dass dieses Stück, das keines ist und das zu einem zu machen auch keiner versucht hat, nachhaltigen Eindruck hinterlässt, ist der einzigartigen Jana Schulz in der Titelrolle zu verdanken, die Verzweiflung und Verachtung, Unrast und Unmut, die Qual des Denkens und das Glück des richtigen Augenblicks meisterlich zum Ausdruck bringt.

          Das leicht Irre dessen, der gegen den Strom schwimmt, zeigt sie auf eine geradezu beängstigend authentische Weise. Den Vater verlassen, zu den Büßern gehen, sich von diesen abwenden, bei einer Begegnung mit Gotama, wie Hesse den historischen Buddha in der Pali-Form nennt, ihm Fehler in der Lehre nachweisen, in der Welt Sinnesfreuden erleben und Reichtümer anhäufen, den Ekel darüber empfinden, dem Selbstmord nah sein, Erfüllung bei einfachen, stets wiederkehrenden Verrichtungen erfahren: Siddhartha rauft sich manches Mal die Haare auf seinem Weg zur Vollendung. Es ist kaum vorstellbar, dass das jemand besser kann als diese Schauspielerin, die ihn nicht darstellt, sondern verkörpert.

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