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Herkunft von Werken erforscht : Frankfurts Museen wollen kein NS-Raubgut

Lässt die Geschichte des Städels in der NS-Zeit von externen Historikern in einem Forschungsprojekt untersuchen: Direktor Max Hollein Bild: ddp

Das Städel und das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt lassen systematisch nach Werken dubioser Herkunft forschen. Im nächsten Jahr sollen die Ergebnisse einer Untersuchung zur Geschichte des Städels in der NS-Zeit veröffentlicht werden, kündigte Direktor Hollein an.

          Max Hollein ist kein Kunsträuber. Der Direktor des Frankfurter Städels hat der Sammlung seines Hauses gewiss keine Kunstwerke einverleibt, die in der NS-Zeit Juden gestohlen wurden. Ein solcher Vorwurf wäre absurd gegenüber einem Mann, der 1969 geboren und 2006 Chef des Städels wurde.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Man kann aber, muss sogar einen solchen Vorwurf gegen den einstigen Städel-Direktor Ernst Holzinger erheben. Da mag der Kunsthändler Ewald Rathke bei der Diskussion über „Raubkunst in Frankfurter Museen“ im Frankfurter Museum Judengasse noch so provokativ Hollein sowie dessen Direktorenkollegen Jan Gerchow (Historisches Museum), Ulrich Schneider (Museum für Angewandte Kunst) und Raphael Gross (Jüdisches Museum) gefragt haben: „Was hätten Sie denn in jener Zeit gemacht?“ Wäre Holzinger etwa reingewaschen, wenn damals ein Museumsdirektor Hollein auch geraubte Bilder geholt hätte? Holzinger hat, dies ist nicht zu leugnen, Raubkunst fürs Städel verwertet. Nach dem Krieg musste das Museum mehr als 200 Werke zurückgeben, wie Hollein gestern berichtete.

          Sträubt sich Hollein aber seinerseits, Raubkunst oder Kunstwerke dubioser Herkunft in der Städelsammlung offenzulegen? Mauert er in Fragen der Restitution, wie Georg Heuberger, der frühere Direktor des Jüdischen Museums, ihm vor kurzem vorwarf? Nach der Diskussion kann man diesen Verdacht kaum aufrechterhalten. Hollein hat als einer der ersten Museumsdirektoren Deutschlands schon 2001 eine Stelle für Provenienzforschung einrichten lassen, ein eigens eingestellter Mitarbeiter soll der Herkunft verdächtiger Werke nachspüren. 400 Objekte wurden Hollein zufolge bisher überprüft, rund 400 weitere Werke stehen noch auf der Prüfliste. Eine Restitution etwa in Form einer Rückgabe oder eines Kaufs von den Erben hat das Städel bisher in sechs Fällen vorgenommen.

          Zudem lässt Hollein die Geschichte des Städels in der NS-Zeit von externen Historikern in einem Forschungsprojekt untersuchen. Im nächsten Jahr sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden, dann, so sagte Hollein, werde man auch differenziert das Wirken des damaligen Direktors Holzinger beurteilen können.

          Auch in den Beständen des Museums für Angewandte Kunst könnten noch anrüchige Schätze schlummern, denn das Kunsthandwerksmuseum, wie es früher hieß, war ein großer Profiteur von Raubkunst. Seit Anfang des Jahres lässt auch Direktor Schneider eigens einen Mitarbeiter den Versuch unternehmen, Licht in die „verworrene Geschichte“ des Raubguts zu bringen, wie er in der von der Kunstkritikerin Konstanze Crüwell moderierten Veranstaltung berichtete.

          Das Historische Museum verzichtet dagegen auf eine Stelle für Provenienzforschung. Aber nicht, weil es sich keine Raubkunst angeeignet hat - dem Haus sind sogar viele geraubte und enteignete Objekte zugefallen -, sondern weil seine Erwerbsbücher im Bombenkrieg verbrannt sind. Eine systematische Suche ist nach Meinung des Direktors Gerchow deshalb kaum möglich. Selbst das gerade einmal 20 Jahre alte Jüdische Museum bleibt von der Raubgut-Frage nicht verschont, hat es doch Bestände vom Historischen Museum übernommen. Museumsleiter Gross hat im Übrigen mit seiner Ausstellung „Raub und Restitution“ die Diskussion angestoßen. Seine Position zu dem umstrittenen Thema ist eindeutig: „Museen müssen ein Interesse daran haben, keine geraubten Objekte zu besitzen.“

          Hollein, Gerchow und Schneider teilten in der gestrigen Diskussion diese Position - die gewiss nicht von allen Museumsdirektoren in Deutschland mitgetragen wird. Aber warum wird die Frage nach der Restitution erst jetzt so dringend gestellt, da die Rückgabefristen schon längst abgelaufen sind, wie der frühere Frankfurter Stadtverordnetenvorsteher Hans-Jürgen Hellwig klarstellte? Er sei als Oberbürgermeister einfach nicht auf die Idee gekommen, die Museumsdirektoren nachschauen zu lassen, sagte Frankfurts früheres Stadtoberhaupt Andreas von Schoeler. „Leider“, fügte er hinzu.

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