https://www.faz.net/-gzg-99iou

Go East-Chefin Gerritsen : Frischer Wind von Nordost

Leitet das Filmfestival Go East: Heleen Gerritsen, hier vor dem Caligari-Kino in Wiesbaden Bild: Michael Kretzer

Feuerprobe bestanden: Mit Heleen Gerritsen hat das Filmfestival Go East eine neue Leiterin. Deren Arbeit endet nicht mit der Preisverleihung.

          Es dürfte auch für eine Ikone des tschechischen Films schwer gewesen sein, ihrem Enthusiasmus eine Absage zu erteilen. Aber im Alter von fast 84 Jahren hat Jan Švankmajer dann doch dem Werben von Heleen Gerritsen widerstanden, nach Wiesbaden anzureisen. „Ich habe alles versucht“, sagt Gerritsen, und als erklärter Fan der surrealen Werke Švankmajers dürfte das eine Menge gewesen sein.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gerritsen macht nicht den Eindruck, als ob es ihr an Tatkraft fehlte. Und so ist immerhin Švankmajers jüngster Film „Insect“ als Deutschland-Premiere angereist, um die erste größere Neuerung Gerritsens zu begleiten: Das 18. Go-East-Festival für den mittel- und osteuropäischen Film hatte mit „Bioskop“ eine neue Reihe besonderer, ungewöhnlicher Filmhandschriften gezeigt. Der ein oder andere Film des diesjährigen Festivals, das am Dienstag mit den Preisverleihungen zu Ende gegangen ist, könnte auch in den nächsten Monaten in die hiesigen Kinos finden: Längst ist Go East nicht nur ein Festival, sondern ganzjährige Filmkulturarbeit, ganz zu schweigen von der Planung, der Akquise von Sponsoren und anderen Tätigkeiten: Nach dem Festival ist vor dem Festival.

          „Ach, du bist also die neue Gaby!“

          Ihre Feuertaufe hat Heleen Gerritsen jetzt gut gelaunt bestanden: Ihren ersten Auftritt als neue Leiterin des Go-East-Festivals für den mittel- und osteuropäischen Film. Als Nachfolgerin der beinahe gleichaltrigen Gaby Babić, die das Festival viele Jahre geprägt hat, führt Gerritsen, 1978 in den Niederlanden geboren, die Tradition fort, die Spitze von Go East weiblich, jung und bestens erfahren in der Kultur Osteuropas zu besetzen. Dass Gerritsen in den vergangenen Wochen bisweilen hören durfte: „Ach, du bist also die neue Gaby!“, quittiert sie mit einem ihrer herzlichen Lächeln und begeistert sich an der Atmosphäre des Festivals.

          Schon früh habe sie sich für Osteuropas Kultur interessiert, sagt Gerritsen, „eine Faszination für die klassische russische Kultur“ sei das gewesen, für Musik, Malerei, Literatur, Ballett. Anfang, Mitte der neunziger Jahre, als dieses Interesse einsetzte, begannen auch die großen Umbrüche in den Gesellschaften Osteuropas, Brüche, denen nachzuspüren und sie im Westen zu vermitteln sich damals auch Go East zur Aufgabe gemacht hatte. Auch Gerritsen motivierten diese Brüche zur ungewöhnlichen Wahl ihrer Studienfächer: Sie hat in Amsterdam und Sankt Petersburg Osteuropa-Studien und Wirtschaftswissenschaften studiert, mit Russisch als erster und Serbisch und Kroatisch als zweiter Sprache.

          Erstmals 2011 bei Go East gewesen

          Film als Interessenschwerpunkt kam bei Gerritsen später hinzu, da war sie, im Alter von 20 Jahren, schon zum Studium nach Sankt Petersburg gegangen und jobbte dort ausgerechnet bei Lenfilm, der ältesten Filmproduktion Russlands. Eines ihrer Spezialgebiete, die Transitionswirtschaft, konnte sie da quasi in eigener Anschauung studieren, den Umbruch und Niedergang einer einstmals so berühmten Filmkultur. Die Erfahrungen, die sie dort sammelte, hat sie konsequent ausgebaut: Als Studentin schon arbeitete sie bei den renommierten Filmfestivals in Rotterdam und Amsterdam, und als sie das Examen in der Tasche hatte, wollte sie dem „Freiluftmuseum Amsterdam“ entkommen. Berlin versprach eine lebendige Stadt und lag vor allem für eine Osteuropa-Filmfachfrau schön in der Mitte zwischen Russland und den Niederlanden.

          Mit „learning by doing“, wie sie sagt, ist aus ihr eine versierte, international tätige Festivalmitarbeiterin geworden, seit 2014 hatte sie das in Neubrandenburg ansässige, renommierte Dokumentart-Festival verantwortet. Dass aus Gerritsen auch noch eine Filmproduzentin geworden ist, verdankt sie den zahlreichen Kontakten und den verschiedenen Tätigkeiten im Film, die sie seit ihrem Umzug nach Berlin ausgeübt hat.

          Eine Zusatzausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin half dem Produzententalent auf die Sprünge, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Sahand Zamani hat sie eine Firma gegründet, die eigene Vorhaben und diverse „Brotjobs“ für Film und Fernsehen realisiert. Seit Gerritsen allerdings den Vertrag mit Go East unterzeichnet hat, führt Zamani die Geschäfte allein. Go East übrigens hat Gerritsen das erste Mal 2011 besucht – als Jan Švankmajer die Hommage gewidmet war.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mystic man: Van Morrison

          Pop-Anthologie (56) : No guru, no method, no teacher

          Im feuchten Grün der irischen Natur findet Van Morrison die mystische Einheitserfahrung. Wie geht das vor sich? Versuch, seinen Song „In The Garden“ mit Goethe, Wittgenstein und Krishnamurti zu verstehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.