https://www.faz.net/-gzg-90dpu

Hauschka im Palmengarten : Ich spiele auch für abenteuerlustige Enten

  • -Aktualisiert am

Ein Klavier, ein Klavier: Volker Bertelmann haut auf der Bühne des Palmengartens aber auch noch zwei Player-Pianos dabei. Bild: Maria Klenner

Und für Kleinkinder, Smartphonebesitzer und Polizeisirenen: Hauschka gastiert im Frankfurter Palmengarten.

          3 Min.

          Komplett verregnet war er vor einer Woche, der Auftakt zur alljährlichen Reihe „Summer In The City“ im Frankfurter Palmengarten. Im zweiten Anlauf drückte Petrus nun gnädig beide Augen zu. Kontemplative Ruhe versprach der Soloauftritt des Düsseldorfer Komponisten und Pianisten Hauschka alias Volker Bertelmann. Da hätten die für Dienstagabend angekündigten schweren Gewitter nur gestört. Aber es ging alles gut. Vor zwei Jahren war der aufs Experimentelle geeichte Bertelmann schon einmal im Palmengarten zu Gast; seinerzeit allerdings erprobte der Veranstalter, das Künstlerhaus Mousonturm, das Format der Double Bill: Zwei gleichrangige Künstler bestreiten in getrennten Sets gemeinsam einen Konzertabend. Einen prägenden Eindruck scheint das nur eine Saison lang aufrechterhaltene Doppel-Arrangement beim Vater von drei Kindern hinterlassen zu haben.

          Der 1966 geborene Hauschka, der seit 2004 mehr als zwei Dutzend Alben, Kollaborationen und Soundtracks veröffentlicht hat und in diesem Jahr zusammen mit seinem Freund und Kollegen Dustin O’Halloran für den Soundtrack zu „Lion – Der lange Weg nach Hause“ fast einen Oscar und einen Golden Globe erhalten hätte, lässt das zahlreich erschienene Publikum wissen: „Heute Abend bin ich sogar mein eigenes Vorprogramm.“ Damit nicht genug: „Während ich am präparierten Flügel agiere, dienen zwei zusätzliche, per Computer gesteuerte Player-Pianos als meine Band“, erklärt Hauschka die technischen Details der Performance. Was folgt, dekliniert, mit jeder Menge künstlerischer Eigenart versehen, mal eben die Elite der Minimal Music durch: La Monte Young, John Cage, Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass lassen sich ebenso orten wie der Brite Brian Eno und die deutschen Elektronikpioniere Klaus Schulze und Tangerine Dream. Der Beginn des Abends ist atonal experimentell und zügig im Takt, später wird es wesentlich ruhiger und entspannter.

          Es klöppelt, schabt, ploppt, hämmert und kratzt

          Ein kollektiver Modus des Innehaltens macht sich breit, nicht wenige Besucher in den metallenen Sitzreihen des Halbrunds schließen die Augen, um ihr jeweils eigenes Kopfkino zu betrachten. Manche Zuhörer bevorzugen allerdings den grünen Rasen. Sie breiten sich auf Decken aus, um Zeitung zu lesen, etwas zu essen oder an ihrem Smartphone herumzuspielen. Nikotinabhängige dürfen hier, ohne einen Schritt vor den Eingang setzen zu müssen, das sein, was sie sind: ungenierte Raucher. Mehrere Enten watscheln durchs Publikum, sie hoffen auf Nahrung.  Aus den Bäumen ringsherum dringt beschauliches Vogelgezwitscher, aus der Stadt rund um den Park eine aufgeregte Polizeisirene. Beides mischt sich ebenso nahtlos in Hauschkas vielseitige Klangcollage wie das umtriebige Kleinkind, das durch lautstarkes Quengeln versucht, seinen Willen durchzusetzen.

          Nach der Pause führt Hauschka sein aktuelles Album „What If“ in Gänze auf. Die programmierbaren Player-Pianos, unterfüttert mit diversen Effekten, erhalten nun ein rhythmisches Fundament auf Moog-Bass-Basis. Eine stets flexible Klangexpedition mit intensivem Einstieg nimmt ihren Anfang.  Es ist, als suchten ganze Insektenarmeen den Zuhörer heim, so wuselt, krabbelt, wabert und wimmelt es. In einer genüsslich zelebrierten Überblendung aus instrumentaler Ambient-Elektronik und Neoklassik mit Beimischungen von Krautrock und Chill-Out fragt Hauschka: Was wäre, wenn ...? Wenn Wasser zur Mangelware wird („I Can’t Find Water“), die eigene Nachkommenschaft auf Nimmerwiedersehen den Mars besiedelt („My Kids Live On Mars“), die Natur sich gegen den Menschen wendet („Nature Fights Back“), die Bäume verschwinden („Trees Only Exist In Books“) und wir alle ein biblisches Alter erreichen („We Live A Thousand Years“)? Bei seiner Erörterung der Zukunftsaussichten der Menschheit klöppelt, schabt, ploppt, hämmert, kratzt und schwingt es unentwegt.

          Minutenlanger Applaus und die Frage Hauschkas, ob das Publikum eine Zugabe wünsche, sind die Folge. Aber ja doch! Er stellt zwei zur Auswahl und verspricht, nach dem Konzert am CD-Stand Auskunft über seine Musik zu geben. Mit dem Zusatz: „Er oder sie müssen auch nichts kaufen.“ „Gaffer Tape“ macht das Rennen, doch wo steckt das Allzweckklebeband, wenn man es dringend braucht? Nach dem Auffinden klebt Hauschka im Resonanzboden seines Flügels mehrere Teile der Saiten ab, nur um sie im Verlauf des Spiels wieder zu lösen. Aus dem Dunkel des Auditoriums brüllt jemand: „Rock’n’Roll!“ „Yes“, sagt Hauschka und grinst süffisant.

          Weitere Themen

          Jedem Kind ein zauberhaftes Tier

          F.A.Z.-Leser helfen : Jedem Kind ein zauberhaftes Tier

          Die letzten „Sonntagsgeschichten“ der Saison für die Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ liest die Bestsellerautorin Margit Auer. Ein Blick in ihren Kosmos.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.