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Haiku : 17 Silben müssen es sein

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Kritischer Blick auf das eigene Werk: Georges Hartmann, Vorsitzender der Deutschen Haiku-Gesellschaft. Bild: Wolfgang Eilmes

Ein Zöllner, der die Deutsche Haiku-Gesellschaft leitet, und ein Lateinlehrer, der die Ferien mit Dichten verbringt – die japanische Gedichtform begeistert jeden Fan anders.

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          Georges Hartmanns Lebenswerk passt in ein Word-Dokument: Das hat 95 Seiten, auf jeder stehen fünf Gedichte. Hartmann sitzt am Computer in seinem kleinen Wohnzimmer mit Blick auf den Ostpark, scrollt rauf und runter; nicht viel von dem, was er da liest, gefällt ihm noch. Doch, halt: „Das hier ist okay.“ Er liest vor: „Einsamer Playboy! / Über dein schütteres Haar / streicht nur noch der Wind.“ Schon zu Ende? Ja, denn Georges Hartmann verfasst Haikus. 17 Silben, verteilt auf drei Zeilen, schreibt diese japanische Gedichtform dem Autor vor. In den vergangenen Jahren hat Hartmann aber kaum mehr geschrieben, seine Tätigkeit als Vorsitzender der Deutschen Haiku-Gesellschaft raubt ihm die meiste Freizeit. Tagsüber, bevor er sich am frühen Abend an den Computer setzt und bis Mitternacht Mails beantwortet, arbeitet er – als Zollbeamter im Prüfungsdienst. Den Dichter sieht man ihm nicht an.

          Haikus sind schon seit vielen Jahren beliebt bei Hobbydichtern in Deutschland. Weil sie kurz wie SMS sind und ohne Reime auskommen, gefallen sie der Jugend; die japanische Tradition, die sie haben, fasziniert auch Ältere. Im Rhein-Main-Gebiet, wo – vor allem in Frankfurt – viele Japaner leben, haben sie eine besonders große Fangemeinde. Verschiedene Regionalgruppen der Haiku-Gesellschaft veranstalten Lesungen, Ausflüge und sogar Japan-Reisen. Georges Hartmann hat selbst zwei mitgemacht; wer ihn nun aber für einen streberhaften Repräsentanten der Haiku-Gesellschaft hält, irrt; denn er sagt Sätze wie „Eigentlich bin ich amtsmüde“ und „Manche schreiben wirklich totalen Schrott“.

          „Ich sitze die ganze Zeit im Sessel“

          Hartmann, Halbfranzose und seit 1960 in Frankfurt, hat sich vom Leben treiben lassen; weil seine Eltern es wollten, studierte er zunächst Betriebswirtschaft, spielte dann aber das ganze Semester Schach und wechselte, weil er eine japanische Brieffreundin hatte, kurzerhand zur Japanologie. Dann lernte er ein Mädchen kennen, wollte Geld verdienen und ging erst zur Post nach München – „ich da, die Flamme hier: Ich wusste, das geht schief.“ Ging es auch, doch nachdem er zurück in Frankfurt war, hörte er sich in der Nachbarschaft um und fand dadurch den Job beim Zoll. Zu den Haikus kam er durch Zufall, genauer gesagt, durch eine Freundin seiner Ex-Frau, die ihn 1987 zu ihrem Haiku-Hauskreis mitnahm. „Was für’n Kram?“, habe er damals gedacht, und: „Gibt’s danach wenigstens ein Bier?“

          Ganz anders spricht Thomas Berger über seine erste Begegnung mit dem Haiku. Aber außer der Liebe zum Gedicht hat er auch wenig mit Hartmann gemeinsam. Der Latein- und Religionslehrer, Typ Woody Allen, unterrichtet am Privatgymnasium Dr. Richter in Kelkheim und sagt über sich: „Wenn man mein Leben filmen würde, wäre das extrem langweilig für die Leute – ich sitze die ganze Zeit im Sessel.“ Manchmal macht er aber auch lange Spaziergänge und lässt sich von Nilgänsen und Schlingnattern inspirieren. In der Natur fallen ihm dann Haikus ein: „Ich gehe laut zählend durch den Wald, um mit den Silben nichts falsch zu machen.“ Der Lehrer ist streng zu sich selbst, ihm gefällt an der japanischen Gedichtform gerade die Disziplin, die sie dem Autor abverlangt. Seit dem Ende seines Referendariats, also seit 30 Jahren, schreibt er Haikus. Er las in einem Artikel davon und war gleich fasziniert.

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