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Gustave Courbet in Frankfurt : Die rätselhafte Schöne im Garten

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Stadt am Fluss: Gustave Courbets Bild „Blick auf Frankfurt am Main“, 1858 Bild: Städel-Museum

Städelschul-Geschichten: Der französische Maler Gustave Courbet arbeitete fast ein Jahr lang in Frankfurt - und war sehr zufrieden mit seinem Aufenthalt.

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          Kunst führt heute nur noch selten zu Kontroversen. Noch die seltsamsten Werke werden von ihren Betrachtern schließlich mit Bemerkungen wie „Irgendwas hat das ja“ gewürdigt. Als hingegen Gustave Courbets Skandalbild „Ein Begräbnis von Ornans“ im Jahr 1852 in seiner ersten Frankfurter Ausstellung großes Aufsehen erregte, sollen in den Cafés der Stadt und bei Diners kleine Karten mit diskreten Hinweisen ausgelegen haben: „Hier bitte nicht über Courbet und seine Bilder sprechen.“ Sonst hätte es Streit gegeben, schrieb der französische Künstler seinen Eltern.

          1858 hatte er sich zu seiner zweiten Ausstellung selbst auf den Weg nach Frankfurt gemacht. Die Schau war vermutlich auf Initiative von Victor Müller zustande gekommen, einem erfolgreichen jungen Maler und Absolventen der Städelschule. Dem aus Frankreich angereisten Künstler stellte Jakob Becker, Direktor des Städelschen Kunstinstituts und zugleich Städelschul-Professor, ein eigenes Atelier zur Verfügung.

          Der hinausgeworfene Künstler blieb noch ein halbes Jahr

          In Briefen an seine Mutter und seine Schwester Juliette äußert der zu diesem Zeitpunkt knapp vierzig Jahre alte Courbet sich sehr zufrieden über seinen Aufenthalt in Frankfurt, der alles in allem fast ein Jahr dauerte. Er habe wie ein Sklave gearbeitet und nie in seinem Leben so viel geschaffen wie hier. Zur Erholung sei er von Frankfurter Bankiers zur Jagd eingeladen worden und habe an Silvester einen enormen Hirsch erlegt, den größten seit 25 Jahren in Deutschland. Er zitiert dazu den enttäuschten Kommentar des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, eines passionierten Jägers. Dieser habe gesagt, er hätte 1000 Florins darum gegeben, wenn es zu diesem Abschuss nicht gekommen wäre.

          Mehr über Courbets Aufenthalt in Frankfurt und im Städel hat sein Freund, der französische Karikaturist, Porträtfotograf und Autor Étienne Carjat, Jahrzehnte später in der Zeitschrift „L’Écho de Paris littéraire illustré“ sehr unterhaltsam berichtet. Über Jakob Becker, der an der Städelschule als hervorragender Lehrer sehr angesehen war, habe Courbet gelästert, sein Gastgeber wisse über Anatomie mehr als Bandinelli und Michelangelo, er erkenne sie sogar in den Wolken.

          Bei anderer Gelegenheit traf Carjat, der seit 1856 in Deutschland lebte und vor allem in Baden-Baden Touristen fotografierte, Becker bei „mon Gustave“ im Atelier an, wo der Künstler mit aufgekrempelten Ärmeln gerade Umbra oder Kasseler Erde aus einer großen Schüssel holte und damit eine riesige Leinwand grundierte. Das fast vollendete Gemälde zeigte zwei Hirsche auf einem wunderschönen Waldstück. Nun trat Becker hinzu, betrachtete das Bild und sprach: „Ihre Tiere sind superb, sie kämpfen wirklich, aber ...“ – „Aber was?“, entgegnete Courbet. Becker antwortete: „Ihre Landschaft scheint mir flüchtig ..., sie könnte sorgfältiger erfasst sein... Also, die Blätter Ihrer Bäume... sind ein wenig .... Daraufhin Courbet: „Sie hätten sie vielleicht mit den Blattadern haben wollen?“ Courbet, berichtet Carjat genüsslich, habe mit der Bemerkung fortgefahren, Becker möge ein guter Professor für Anatomie sein, in der Malerei jedoch werde er niemals etwas anderes sein als „un con“. Becker war des Französischen nicht mächtig, aber als er hörte, das Worte bedeute „Dummkopf“, kündigte er Courbet noch am selben Abend das Atelier im Städel.

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          Der hinausgeworfene Künstler blieb noch ein weiteres halbes Jahr in Frankfurt und konnte zunächst im Deutschordenshaus an weiteren Bildern arbeiten. Später zog er in den Kettenhofweg 44 zu seinem Malerkollegen Angilbert Göbel (1821–1882), der seinerzeit als Porträtmaler sehr bekannt war. An Courbets Frankfurter Zeit, die so verheißungsvoll im Städel begonnen hatte, erinnert noch heute sein bezauberndes Gemälde „Dame de Francfort“, um das sich alle möglichen Legenden ranken. Wer mag die wunderschöne junge Frau gewesen sein, die so träumerisch wirkt, und wo mag der schöne Garten, in dem sie sitzt, gelegen haben? Vielleicht in den Wallgärten? Oder in einem der alten Landschaftsparks in Frankfurts Umgebung? Besonders rätselhaft bleibt die Identität des Herrn, den Courbet nicht ganz perfekt übermalt hat. Aus Eifersucht, weil es sich um den Ehemann der jungen Schönheit handelte? Wie auch immer: Ganz fraglos gehört die „Dame de Francfort“ aus dem Jahr 1858, die heute im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu Hause ist, zu den schönsten Gemälden von Courbet. Der hat sein „Dame“ übrigens nie selbst verkauft und auch nur einmal ausgestellt. Vielleicht liebte er es so sehr, vielleicht erschien es ihm aber auch nur unvollendet. Das Städel wollte das Bild übrigens einmal ersteigern, im Jahr 1941. NS-Stellen vereitelten dies aber.

          Bereits erschienen: „Krach in der Akademie“ (22. Juli), „Als Beuys beinahe Professor wurde“ (4. August) und „Die Frau, der Elogen gedichtet wurden“ (12. August).

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