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Theaterstück „Frankfurter Rendezvous“ : Gralsritter in Hochhausburgen und Grünanlagen

Wir bauen eine Stadt: Szene aus „Frankfurter Rendezvous“, gespielt auf dem Willy-Brandt Platz, zu besichtigen vom Chagall-Saal der Städtischen Bühnen aus. Bild: Birgit Hupfeld

Das Theater erobert die Öffentlichkeit. Wenigstens die des Willy-Brandt-Platzes. Man darf sich irritieren lassen. Schorsch Kamerun präsentiert sein Nicht-Stück „Frankfurter Rendezvous“.

          3 Min.

          Die an der Haltestelle ein- und ausfahrenden Straßenbahnen geben den Takt vor. Sie sind wie der gesamte Willy-Brandt-Platz mitsamt angrenzender Grünanlage, wie die fest installierten Dinge dort mit dem leuchtenden Euro-Zeichen als dunkel glühendem Zentrum, wie die zufällig vorbeikommenden Passanten und aufheulend vorbeirasenden Einsatzwagen Teil einer nach außen verlagerten Inszenierung. Die Grenzen der Bühne sind nicht ganz genau zu bestimmen, aber auch nicht völlig unklar, denn so viel ist sicher: Es geht um den Platz, um die Agora, um den Ort, wo sich die Stadtmenschen aus unterschiedlichen Milieus treffen, miteinander reden, sich zusammen auf ein Spiel einlassen, Öffentlichkeit oder Gegenöffentlichkeit oder beides herstellen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer, ohne etwas davon zu ahnen, ins bunte Treiben gerät, wird zum Zuschauer im öffentlichen Raum. Das zahlende Publikum dagegen, das weiß, dass es um Kunst geht, sitzt derweil, mit Kopfhörern ausgestattet, im Chagall-Saal der Städtischen Bühnen. Wo man sonst mit dem Gesicht zur Wand plaziert ist, um etwa Vorträgen oder Einführungsveranstaltungen zu Opernabenden zu lauschen, wurde jetzt eine schiefe Ebene mit Sitzplätzen eingezogen, von wo aus die Besucher durch die gläserne Front des Theatergebäudes hinausblicken auf den Willy-Brandt-Platz. Einst hieß er Theaterplatz, bei manchen Einheimischen heißt er immer noch so. Ein an diesem Abend ganz und gar passender Name. Das theatralische Geschehen draußen vor der Tür wird jedoch auch direkt mittels Kameras auf mehrere Flachbildmonitore übertragen, die vor der Glasfassade im Inneren angebracht sind und es den im Haus Sitzenden erlauben, die Ereignisse im Freien mit den Bildern, die von ihnen gemacht werden, unmittelbar zu vergleichen. Das hat etwas von einem Suchspiel.

          Erzählstränge führen ins Nichts

          Leute mit Tropenhelmen marschieren auf, ein beleuchteter Wagen mit Musikanlage bildet eine Art Mittelpunkt, eine geschminkte Frau auf stelzenartigen Gebilden unter den Füßen bewegt sich groß und behende übers Gelände, allerlei Theater- mischt sich unters Stadtvolk. Schorsch Kamerun nach Frankfurt gekommen. Er sprach mit diversen Menschen, Stadtplanern etwa, darunter Albert Speer. Was der Sänger, Autor, Regisseur so gehört und zusammengetragen hat, mixte er mit eigenen Worten und minimalistischer Musik. Ensemble-Mitglieder des Frankfurter Schauspielhauses und andere, professionelle, semiprofessionelle und Laiendarsteller führen ein verhaltenes Spektakel auf, eine geradezu melancholisch grundierte Sinfonie einer Großstadt, ohne sinfonisches Orchester freilich, aber doch mit einem erheblichen Aufgebot an Menschen und Material.

          Besonders gefällt ein Umzug mit riesigen Phantasie-Fahnen, der an mittelalterliche Festivitäten gemahnt. Ein zentrales Motiv der plotfreien Veranstaltung, deren vermeintliche Erzählstränge ebenso wie etliche Theoriewege regelmäßig ins Nichts, ins Widersprüchliche, ins Absurde münden, ist nämlich die Tafelrunde des Königs Artus. Gralsritter treten auf, Burgen werden errichtet. Eine lose Verbindung zu den Frankfurter Verhältnissen wird hergestellt, Parzival schlafwandelt durch die Szene und ist wohl eher der naiven Fraktion innerhalb der Occupy-Bewegung zuzurechnen, während der zupackende Sir O. den Gral offensichtlich in den Hochhäusern vermutet.

          Eine große Oper ist es nicht

          Schorsch Kamerun, mit der Punkband „Die Goldenen Zitronen“ bekannt geworden, richtet einen Blick von außen auf Frankfurt, und das hat insofern fast schon etwas Tröstliches, als er allenthalben auf Vielfalt und interessante Orte trifft. So wird das Bahnhofsviertel gelobt und auch jene Ecke des Willy-Brandt-Platzes, wo die geschriebene Meinung auf Zäunen ihren Platz hat. Zu irgendwelchen Schlüssen kommt das „Frankfurter Rendezvous“ genannte Projekt nicht, es wird vieles angesprochen, von der innerstädtischen Verdichtung bis zum Verkauf der Giacometti-Skulptur aus der Erbmasse der Dresdner Bank. Und natürlich rankt sich viel um das Euro-Zeichen.

          Eine große Oper wird aus alledem auch nicht. Wenn Schorsch Kamerun singt, klingt das eher elegisch und hört sich über die Kopfhörer durchaus hübsch an. In seinen Monologen geht das Theoretische schnurstracks ins Poetische über. Wenn man denn eine Botschaft erkennen will, so ist es diese: Die Kunst soll eindringen in eine Stadt, in der es immer nur um Kosten-Nutzen-Rechnungen geht. Für eine gute Stunde jedenfalls scheint es so, als triumphiere das Nichtalltägliche über die geschäftige Realität. Das immerhin hat ja auch schon etwas für sich.

          Nächste Vorstellungen heute (07. Juni), morgen (08. Juni) und am Pfingstmontag (09. Juni) jeweils um 21.30 Uhr.

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