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Grafikdesign im MAK : Leuchtturm und Relax-Theater

Lässt die Zweckgebundenheit vergessen: die Installation von Anette Lenz Bild: Wolfgang Günzel

Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zeigt die erste Einzelausstellung mit Arbeiten der Grafikdesignerin Anette Lenz. Dabei verbinden sich Form und Aussage aufs Wunderbarste.

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          Die Botschaft, die diese Plakate einmal an die Menschen bringen wollten, tritt zurück. Ihr appellativer Charakter verflüchtigt sich. Was einst mit ihnen beabsichtigt war, spielt keine große Rolle mehr. Die Ausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst, die von diesem Donnerstag an im Richard-Meier-Bau am Sachsenhäuser Mainufer zu erleben ist, stellt die Arbeiten von Anette Lenz in einen neuen Zusammenhang. Die Grafikdesignerin und die Kuratoren ihrer Schau hatten genau dies im Sinn: den Produkten der 1964 geborenen, in Paris lebenden Gestalterin in einem neuen Kontext eine andere als die ursprüngliche Bedeutung zu geben.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Keine Dokumentation ihres Werks also war beabsichtigt, keine Übersicht über ein schon beträchtliches OEuvre, keine Rekonstruktion einstiger Zwecke und Aufgaben oder gar räumlicher Verhältnisse, in denen sich die Plakate, Fassadengestaltungen, Erscheinungsbilder einmal eingefügt haben. Vielmehr haben die Ausstellungsmacher die Formen und Farben, die Anette Lenz mit einer bestimmten Intention und den Erwartungen ihrer Auftraggeber entsprechend kombiniert hat, den Gegebenheiten im weißen Museumsbau und seiner Umgebung, darüber hinaus der von Hochhäusern geprägten Außenansicht der Stadt Frankfurt, angepasst.

          Die Kraft von Zeichen als solchen

          Schildchen mit Erläuterungen fehlen. Das ist ein Segen. Denn so steht einer primär ästhetischen Betrachtung nichts im Weg. Die Plakate, Grafiken und auch eine größere Installation entfalten auf diese Weise eine Wirkung, die das Künstlerische zum Vorschein bringt und die Zweckgebundenheit vergessen lässt. Mit einem Mal geht es um die Kraft von Zeichen als solchen, um das Ansprechende einer formalen Sprache, die im Verein mit einer oft sehr kräftigen, äußerst kontrastreichen Buntheit den Betrachter für sich gewinnt, ganz unabhängig von den Informationen, die damit transportiert werden sollten.

          Anette Lenz wurde nach ihrem Studium in München ebendort in einem Büro angestellt, das nach den strengen Regeln des Bauhauses und der Ulmer Schule vorging. 1989 ging sie nach Frankreich, wo sie die reduzierte und sachliche deutsche Grafik-Tradition hinter sich lassen konnte. Sie kam in Kontakt mit Grapus, einer einflussreichen Designergruppe, die sich nach der Studenten- und Arbeiterrevolte 1968 gegründet hatte und sich revolutionären Ideen verpflichtet fühlte. Nicht nur politischer, sondern auch ästhetischer Art. Werbung war für sie ein Schimpfwort, sie gingen mit progressivem Anspruch zu Werke und bedienten sich auch Strategien der künstlerischen Avantgarde.

          Deckung aufs Wunderbarste

          Ungewöhnliche Zusammenstellungen von Materialien und Elementen, eine subversive Verunklarung der Themen, Plakate, auf denen es vor unterschiedlichen Gestaltungsmitteln nur so wimmelt: Die experimentelle Herangehensweise von Grapus hat Anette Lenz nachhaltig beeinflusst. Das Agitatorische allerdings nahm sie weitgehend zurück, an formaler Deutlichkeit dagegen lässt sie es nicht fehlen. Manche Arbeit, die jetzt zu sehen ist, erinnert an die Konzeptkunst, Buchstaben setzt sie regelrecht in Szene: Wenn sie das Wort „Repetition“ mehrfach in langgezogenen Lettern auf Wandflächen hintereinanderreiht, decken sich Form und Aussage aufs Wunderbarste, geradeso wie auf den Textbildern und -objekten eines Joseph Kosuth oder Bruce Nauman.

          Anette Lenz hat für Organisationen in der Pariser Banlieue gearbeitet, für Städte und Theater, Museen, Kulturzentren und Festivals. Sie prägte etwa den Design-Auftritt des „Centre chorégraphique national du Havre Haute-Normandie“ in der vom Zweiten Weltkrieg extrem gebeutelten Industriestadt Le Havre: Die Einrichtung gab sich den Namen „Le Phare“, eine Steilvorlage für die Künstlerin, die unter anderem eine Lichtinstallation für das Haus schuf und mit Hilfe der Leuchtturm-Metapher auch sonst ein unverwechselbares Design für das Tanztheater-Zentrum entwickelte.

          Für das Theater in Chaumont, dessen Namen „Relax“ von einem früheren Kino und einer Bowlingbahn übernommen wurde, an deren Stelle jetzt die Bühne steht, hat sie zahlreiche Plakate entworfen, in denen der wohl aus den fünfziger Jahren stammende Schriftzug ein entscheidendes und immer wiederkehrendes identitätsstiftendes Moment bildet. In der großen dreidimensionalen Arbeit, die Teil der Ausstellung ist, tritt er in mehreren Varianten auf.

          Naturbilder, die sich als zusätzliche Schicht über die Architektur im Meier-Bau legen, Menschenbilder in Zeiten von Körperscans, Infrarot-Überwachung von Bewegungen und digitaler Erfassung des Leiblichen, Experimente mit Farbüberlagerungen und Monochromie: die Schau bietet vieles, worüber sich das Nachdenken lohnt. Man kann sie fürs Erste aber auch nur auf sich wirken lassen. Gefangen nimmt sie einen gleich.

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