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Schauspiel Frankfurt : Goethes „Wahlverwandtschaften“ als Kammerspiel

Lisa Nielebock inszeniert „Wahlverwandtschaften“ am Schauspiel Frankfurt. Bild: Thomas Aurin

Niemand kommt aus einem freien Leben unbesudelt heraus: Regisseurin Lisa Nielebock inszeniert Goethes „Wahlverwandtschaften“ am Schauspiel Frankfurt. Sie macht aus dem alten Werk ein zeitgenössisches Stück.

          2 Min.

          Lisa Nielebock, die Familie und eine Regieprofessur an der Folkwang-Hochschule mit der Praxis in ein Leben kriegen muss, sucht sich ganz genau aus, was sie in jeder Spielzeit inszeniert. Warum ihre Wahl jetzt im Frankfurter Schauspiel auf Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ gefallen ist, erklärt sich sehr schnell, nach wenigen Wortwechseln dieser vier Menschlein auf dem langen Laufsteg. In der Sprache mag hier und da zu erahnen sein, dass sie nicht aus dem Hier und Jetzt stammt. Die zerrissenen Leute, die zwischen Selbstverwirklichung, Leidenschaft und Pflicht sich selber mehr schaden als nützen, wirken ausgesprochen zeitgenössisch.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Es geht nicht um das allgemein Menschliche, sondern um das, was durch das moderne Menschsein an Unglück, Sich-selbst-im-Wege-Stehen, Selbsttäuschung geschieht. Zeitgenossenschaft war schon bei Goethe Thema, nun sind es Triggerwörter wie die Wahl oder Scheidung, die an diesem nur 70 Minuten kurzen Abend herauskristallisieren, worum es Nielebock geht. Es ist ein Kammerspiel in jeder Hinsicht, das Schauspielhaus ist mit einem Steg in der Mitte des Parketts freigeräumt worden.

          Spiel der Schlüsselsätze

          So kommen die Figuren dem wenigen Publikum nah: Da ist die vernünftige Charlotte, deren verhaltene Leidenschaft und bald der Schmerz sich in Blicken und Gesten zeigen (Manja Kuhl), da ist der tatkräftige, pragmatische Otto (Thorsten Flassig), dessen Frauenbild auf den zweiten Blick etwas herablassend erscheint, da ist Charlottes Mann Eduard (Heiko Raulin), dessen Egozentrik sogar zu einigem Kichern im Publikum führt, und seine Geliebte, die junge Ottilie (Marta Kizyma), man weiß nicht recht, was man von dieser Mischung aus eckiger Unterwürfigkeit und Hysterie halten soll, die zu den anderen dreien nicht recht passen will.

          Im Grunde wird nur die grobe Handlung erzählt, Wahlverwandtschaftstheorie, Über-Kreuz-Lieben, Komplikationen, Kindstod, doppelter Exitus. Aus dem Roman wird ein zwischen Binnen- und Außensicht, Ich und Er wechselndes Spiel der Schlüsselsätze. Das zeitgenössisch Menschliche, das Nielebock interessiert, wird mit leiser Musik, mit Gesten und mit dem Abwenden oder Naherücken auf dem Laufsteg trotz der Kargheit der Mittel durchaus plastisch.

          Und selbst das schon ziemlich überreizte Stilmittel, irgendein Bühnenelement vollzuschreiben, hat einen Sinn: Der Kohleabrieb der Stifte färbt nach und nach Hände, Gesichter, die helle Kleidung der Protagonisten. Niemand, zeigt das, kommt unbeschadet und unbesudelt heraus aus einem Leben, in dem freie Entscheidungen und Leidenschaften erlaubt sind.

          „Die Wahlverwandtschaften“, Schauspiel Frankfurt, nächste Vorstellung am 8. Juli jeweils um 19.30 Uhr.

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