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: Goethes Gartenhaus statt Wohnmaschine: Ausstellung über Paul Schmitthenner im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt

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Es mag ein Zufall gewesen sein, der den jungen Architekten Paul Schmitthenner 1909 in das Münchner Atelier Richard Riemerschmids eintreten ließ. Doch die gerade im Entstehen begriffene Siedlung Hellerau ...

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          Es mag ein Zufall gewesen sein, der den jungen Architekten Paul Schmitthenner 1909 in das Münchner Atelier Richard Riemerschmids eintreten ließ. Doch die gerade im Entstehen begriffene Siedlung Hellerau bei Dresden, an deren Planung und Realisierung Riemerschmid entscheidend beteiligt war, hat ihn nachhaltig beeindruckt. Als glühender Anhänger der Gartenstadtbewegung entwarf er wenige Jahre später selbst Siedlungen wie Staaken bei Berlin und Plaue in Brandenburg, doch schon hier deutete sich der tiefe Graben an, der den 1972 im Alter von 87 Jahren gestorbenen Architekten bald von der Avantgarde trennen sollte.

          Wie die herausragenden Vertreter der Moderne Mies van der Rohe oder Walter Gropius gehörte er zu der durch den Werkbund geprägten Generation, entwickelte sich aber in den zwanziger Jahren als einer der exponiertesten Vertreter der "Stuttgarter Schule" zu einem Verfechter der traditionalistischen Opposition gegen die Avantgarde und das Neue Bauen. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt unternimmt nun mit der ersten umfassenden monographischen Ausstellung über Paul Schmitthenner den Versuch, den Architekten zwar als vehementen Gegner der Neuen Sachlichkeit, aber gleichwohl als dem Diskurs der Moderne zugehörig zu würdigen.

          Thematisch gegliedert, beschreibt die Schau mit Modellen, Handskizzen und Transparentzeichnungen sowie einer Fülle von zeitgenössischen Fotografien große Projekte wie die Gartenstädte, individuelle Wohnbauten und Wiederaufbaupläne etwa für Mainz und unternimmt eine Positionsbestimmung innerhalb des Architekturstreits der zwanziger Jahre. Deutlich wird dabei eine eigentümliche Ambivalenz, die nach dem Zweiten Weltkrieg, als Schmitthenner lange als Reaktionär abgestempelt wurde, wenig Beachtung gefunden hat. Denn orientierte er sich einerseits sowohl in seinen Bauten als auch in den Siedlungen am Charakter der kleinstädtischen Bebauung mit eigenem Zentrum sowie individuell wirkenden Häusern und propagierte Handwerk und Materialgerechtigkeit, so operierte er doch längst mit wenigen, einfach zu variierenden und in wenigen Tagen zu errichtenden Haustypen, deren Bestandteile teils industriell vorgefertigt wurden, sowie mit genormten Grundrißtypen.

          Hier zeigt sich der Anhänger traditioneller Baukultur als Rationalist. Nicht nur an dieser Stelle fühlt man sich, ohne daß dies die Ausstellung zum Thema machte, immer wieder an Architekturdiskussionen der Gegenwart erinnert. Die Einbettung von Häusern und Siedlungen in ein urbanes respektive landschaftliches Umfeld, die Verwendung regionaler Materialien mag man als Ausdruck des Versuchs werten, die unbehauste, technokratische Moderne in der Bindung an Tradition und Region zu verwurzeln und damit zu bändigen. Die "Wohnmaschinen" der Avantgarde waren ihm ein Greuel. Sein "Schmitthennerhaus" mit Bezügen zu Goethes Weimarer Gartenhaus ist sein bürgerlicher Gegenentwurf. Mit Sicherheit also war Schmitthenner ein Konservativer, ein Romantiker auch in gewissem Sinn und nicht zuletzt ein Kulturpessimist.

          Doch seine zunächst heftige Liaison mit dem Nationalsozialismus zu Beginn der dreißiger Jahre vermag das nur bedingt zu erklären. Womöglich, so legt es die Ausstellung nahe, hat er sich einerseits eine Anknüpfung an das handwerkliche Bauen, andererseits repräsentative Aufträge versprochen. Und vielleicht hoffte er, die "Stuttgarter Schule" werde sich so doch noch gegen die Avantgarde durchsetzen. Schon bald aber sah er sich in Opposition zur Maßlosigkeit der monumentalen Herrschaftsarchitektur der Nazis. "Ein anständiger Architekt nimmt Marmor nur für die Toiletten", soll er über Hitlers Arbeitszimmer in der Reichskanzlei geäußert haben. Eine Frage des Stils. Und der Orientierung am menschlichen Maß. Im Nachkriegsdeutschland liegt die "Stuttgarter Schule" in der Provinz. Ein Lamentieren selbst angesichts der Exzesse der Moderne legt die Ausstellung jedoch nicht nahe. Ein Nachdenken schon. Denn während sich Schmitthenner in den zwanziger Jahren als Traditionalist im Zentrum der Architekturdebatten bewegte, stand er nach dem Krieg im völligen Abseits. (Bis 9. November. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Der Katalog kostet 35 Euro.) CHRISTOPH SCHÜTTE

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