https://www.faz.net/-gzg-6k28f

„Goethe und die Pflanzen“ : Eine große, grüne Leidenschaft

  • -Aktualisiert am

Mann mit grünem Daumen, wenn er den Stift mal ablegte: Goethe Bild: Frankfurter Goethe-Haus - Freies Deutsches Hochstift

Goethe war gut, Mann, konnte der gärtnern: Im Frankfurter Palmengarten zeigt eine Ausstellung Goethe als Botaniker - und Lesungen erkunden die Poesie des Pflanzenfreunds.

          Vielleicht kommt man ja doch irgendwo in der Stadt an einer „schlimmen Mauer“ vorbei, über deren Sims Nussbäume ragen und die eine seltsame, feinziselierte Pforte hat. Geschlossen, natürlich. Die Spielkameraden des sieben Jahre alten Johann Wolfgang jedenfalls sind eifrig ausgeschwärmt rings um den Großen Hirschgraben, um den geheimnisvollen Garten zu finden, den ihr phantasiebegabter Freund, der „neue Paris“, gefunden haben will.

          In „Dichtung und Wahrheit“ erinnert sich Goethe mehr als fünfzig Jahre später an sein selbsterfundenes „Knabenmärchen“, das er in seine Autobiographie aufnimmt. Anfänge eines Dichters. Und: Anfänge eines Gartenliebhabers. Der als Kind an der Friedberger Gasse dem Großvater Textor beim Okulieren der Rosen zusah und neidisch vom Fenster aus die „nah gelegenen Paradiese“ der nachbarlichen Gärten betrachtete, da das Vaterhaus am Hirschgraben keinen eigenen Garten hat.

          Botanische Leidenschaft Goethes

          Wer sich auf Goethes Spuren begibt, der wird aber doch gartenfündig in Frankfurt: Vom Hirschgraben über den Main führt der Weg, nach Sachsenhausen. Ein Rest Garten ist rings um das an Sommersonntagen geöffnete Willemerhäuschen noch zu sehen, wo Goethe 1814 mit seinem Freund Johann Jakob Willemer und dessen Frau Marianne feierte. Am Sommersitz der Willemers, der Gerbermühle am Main, riss der alternde Goethe am 15. September 1815 die jugendliche Marianne vollends hin. Sulpiz Boisserée, der Freund und Kunsthistoriker, notiert trocken in sein Tagebuch: „G. hatte der Wilmer ein Blatt des Ginkho biloba als Sinnbild der Freundschaft geschickt aus der Stadt. Man weiß nicht ob es eins, das sich in 2 teilt, oder zwei die sich in eins verbinden. So war der Inhalt des Verses.“ Damals war „Ginkgo biloba - Dieses Baums Blatt, das von Osten / meinem Garten anvertraut“, später im „West-östlichen Divan“ veröffentlicht, definitiv noch kein Kultgedicht.

          Ginkgo liebte Goethe ebenso wie...

          Heute ist das Ginkgoblatt Logo des Frankfurter Palmengartens, der entstand, wo einst der Obstgarten der Goethes lag. Wer dort nun durch die Ausstellung „Goethe und die Pflanzen“ streift, bekommt einen guten Eindruck von der botanischen Leidenschaft Goethes, der an seinem Lebensende etwas verschnupft darauf hinweist: „Seit länger als einem halben Jahrhundert kennt man mich, im Vaterlande und auch wohl auswärts, als Dichter (...) dass ich aber mit großer Aufmerksamkeit mich um die Natur emsig bemüht (...), dieses ist nicht so allgemein bekannt.“ Daran hat sich auch kurz vor dem 261. Geburtstag Goethes nicht viel geändert.

          Von wundersamen Gärten

          Dabei gelingt der Schau, die von heute an jeden Sonntag im August eine nachmittägliche Lesung begleitet, zu zeigen, was Goethes Zeitgenossen dem Dichter und Hobby-Botaniker, der viel Zeit auf seine Studien verwendete und von Wissenschaftlern als Kollege geschätzt wurde, nicht zutrauten: „Nirgends wollte man zugeben, dass Wissenschaft und Poesie vereinbar seien“, klagt er. Zwischen blühenden Artischocken, sich fleißig vermehrenden Fächerpalmen und anderen „Goethe-Pflanzen“ ist jetzt nicht nur Goethes naturwissenschaftliche Forschung zu entdecken, die etwa mit der Theorie zur „Metamorphose der Pflanzen“ durchaus erfolgreich war, sondern auch deren sprachlicher Niederschlag.

          Das Kind fabulierte von wundersamen Gärten, der erwachsene Goethe beschreibt Bäume, Blumen, Moose, als „lebendig Wesen“ wie das Ginkgoblatt, mit geradezu menschlichen Zügen. Goethes erste große Liebe: Ein Enzian. Sein „Zeuge glücklicher Tage“: Ein „ehrwürdiger Wacholderbaum“. Dem Brutblatt, dieser botanischen Merkwürdigkeit, sei er „leidenschaftlich zugetan“, schreibt er an den Botaniker Nees von Esenbeck 1820, da die Pflanze „ihre Allpflanzenschaft durch Dulden und Nachgiebigkeit, sowie durch gelegentliches übermüthiges Vordringen auf das wundersamste zu Tag legt“. Und noch kurz vor seinem Tode begrüßte Goethe, der Bäume liebte, „die dicke Eiche, die nun schon bald sechzig Jahre kenne“.

          Lebensgefährtin als „Blümlein“ tituliert

          Und umgekehrt, mag man da denken - Goethes Verve im Schreiben über die Pflanzenwelt kann zuweilen recht erheiternd wirken. Sie verbindet Dichtung und Wahrheit, Gartenbau und Ernte, naturkundliche Studien, Literatur und Leben.

          Und, nicht nur bei „Ginkgo biloba“, die Liebe. So verwundert es kaum, dass er auch seine Lebensgefährtin Christiane Vulpius, sehr viel später verheiratete Goethe, in dem Gedicht „Gefunden“ 1813 als „Blümlein“ tituliert. Nicht gebrochen wie das „Heideröslein“, sondern sorgfältig ausgegraben und im Haus am Weimarer Frauenplan wieder eingepflanzt hat er die junge Frau, die ihre Briefe an ihn mit „dein kleines Naturwesen“ unterschrieb. Im Garten dort studierte Goethe Botanik, Christiane pflanzte Kohl und Mangold, daran erinnern in der Schau auch die in Blüte stehenden Kartoffeln. Und die mitten in die Schriften zur Morphologie plazierte Elegie „Metamorphose der Pflanzen“. Den Versuch, Wissenschaft und Poesie zu verbinden, widmete Goethe 1798 seiner Gefährtin, um ihr die „abstrakte Gärtnerei“ des Forschers nahezubringen. Eine botanische Erklärung - und eine Liebeserklärung zugleich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trotz Reform : Viele Sparer müssen weiter Soli zahlen

          Für die meisten Bundesbürger soll der Solidaritätszuschlag ab 2021 entfallen, sagt Finanzminister Scholz. Was er verschweigt: Für den Großteil der Sparer und Anleger gilt das nicht – und das sind nicht nur Großverdiener.
          Der Zusammenschluss von Car 2 Go und Drive Now ist ganz offensichtlich ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Auch Mazda steigt aus : Carsharing fährt gegen die Wand

          Es soll eine Lösung für urbane Mobilität sein: Doch Carsharing rechnet sich nicht. Und nicht nur das: Die Autos kämen oft auch verdreckt oder beschädigt zurück, klagen die Anbieter. Jetzt gibt auch Mazda auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.