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Produzent Artur Brauner : Zwischen Tralala und bitterem Ernst

Grenzgänger: Artur Brauner 1958 mit Romy Schneider bei den Dreharbeiten zu „Mädchen in Uniform“. Bild: Artur-Brauner-Archiv im Deutschen Filminstitut, Frankfurt

Seit 25 Jahren pflegt das Deutsche Filmmuseum Frankfurt das Archiv des Filmproduzenten Artur Brauner. Das Festival Go East widmet ihm jetzt eine Tagung - und eine erstaunliche Filmreihe.

          Aus „Papas Kino“ ist „Opas Kino“ geworden. So lang ist es her, dass mit dem Schlachtruf „Papas Kino ist tot“ 1962 der „junge deutsche Film“ ausgerufen wurde. Der sieht inzwischen auch schon alt aus, dafür guckt man wieder anders auf die frühe Nachkriegszeit. Die einen, indem sie sich genüsslich den rosafarbenen Heimatkitsch jener Jahre ansehen, in dem alles so wirkt, als habe es nie einen Nationalsozialismus gegeben und als müsse sich niemand mit den Mühseligkeiten der Gleichberechtigung herumschlagen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die anderen konzentrieren sich in jüngster Zeit auf das, was es jenseits des Mainstreams damals auch gegeben hat. DVD-Editionen, Filmreihen, neue Forschung und Tagungen beschäftigen sich mit dem frühen deutschen Nachkriegskino. Mit „Morituri“ zum Beispiel, entstanden 1948. Ins Kino kam er, als sein Produzent gerade einmal 30 Jahre alt wurde. In den meisten Kinos lief „Morituri“, wenn überhaupt, nur einen Tag lang. In manchen wurde die Einrichtung demoliert. Es hagelte Proteste, der Regisseur Eugen York erhielt Drohbriefe.

          Brauners Filme arbeiten NS-Verbrechen auf

          Das kann man auch in Frankfurt nachlesen, in einem gut gesicherten Depot, wo das Archiv von Artur Brauners Central Cinema Compagnie, kurz CCC, lagert. 1948 hatte es so ausgesehen, als ob das erste Herzensprojekt des jungen Filmproduzenten Artur Brauner auch sein letztes werden würde, so viel Geld hatte er dafür versenkt. 40 Jahre später gab es die CCC immer noch - und es gibt sie bis heute.

          1990 hatte das Deutsche Filmmuseum Frankfurt mit einer großen Ausstellung und einem begleitenden Buch auch versucht, schon früh diesem merkwürdigen Phänomen nahe zu kommen: Dass mitten in all den „Tralala-Filmen“, wie er sie selber nannte, Artur Brauner und seine CCC immer wieder und stetig auf das Erinnern gesetzt haben. An den Nationalsozialismus und an den Holocaust.

          „Die Todgeweihten“: Bei dem Film mit dem lateinischen Titel„Morituri“ aus dem Jahr 1948 übernahm Brauner für CCC die Produktion.

          Noch mehr verborgene Fäden will nun das Wiesbadener Filmfestival Go East aufzeigen. Es widmet von diesem Freitag (22. April) an sein diesjähriges Symposion ganz dem Werk Artur Brauners unter dem Titel „Der Produzent als Brückenbauer und Grenzgänger“.

          Dass das renommierte Festival des mittel- und osteuropäischen Films seine internationale Tagung einem Berliner Einzelkämpfer widmet, hat viele Gründe. Stapelweise, reihenweise, kiloweise sind sie, Papier geworden, seit 25 Jahren in Frankfurt zu sehen. Im Rödelheimer Depot des Deutschen Filmmuseums, mittlerweile eingegangen in das Deutsche Filminstitut, lagert die Geschichte von Artur Brauners CCC. 15 bis 20 Wissenschaftler, sagt Claudia Dillmann, die Direktorin des Deutschen Filminstituts, arbeiteten jedes Jahr mit dem Material. Am Frankfurter Lehrstuhl für Filmwissenschaft entstehe derzeit auch eine Dissertation zur CCC.

          Produktionen sind Teil der osteuropäischen Filmhistorie

          Dass das ein großer Teil der bundesdeutschen, der westdeutschen Filmgeschichte sei, hat man früh hervorgehoben. Dass Brauners Produktionen ein Teil der internationalen und zumal osteuropäischen Filmgeschichte sind, die sich mit Namen wie Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“) oder Andrzej Wajda („Eine Liebe in Deutschland“) verbindet, mit den ersten deutsch-polnischen Koproduktionen nach dem Krieg und einem der in Polen am längsten verbotenen Filme, „Der achte Wochentag“ (1958), das will nun das Symposion näher beleuchten.

          Mit Agnieszka Holland bei den Dreharbeiten zu „Hitlerjunge Salomon“ (1990).

          Dillmann, damals noch freie Filmwissenschaftlerin und Kuratorin, hat 1989/90 gewissermaßen ihren Einstand mit einer großen Ausstellung und einem bis heute maßgeblichen Buch über Artur Brauner und seine CCC gegeben. Nun wird sie das Symposion des Festivals eröffnen, das für sie ein besonderes Highlight ist.

          Für das damals erschienene Buch hatte sie intensive Gespräche geführt, in einer Zeit, als Brauner erwog, seine Filmproduktion zu verkaufen. „Spontan“ habe er damals auf ihre Nachfrage das Archiv angeboten, erinnert sie sich. Seither ist viel geforscht worden, und die Renaissance, die derzeit eine ganze Epoche und Brauners Werk erlebt, begrüßt Dillmann ausdrücklich: „Es ist gut, dass eine neue Generation seine Verdienste anders bewertet.“

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