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Glasbildkünstler Johannes Schreiter : Der in der Welt verborgene Gott

Johannes Schreiter ist heute der bedeutendste Kirchenfenstermaler. Er lehrte viele Jahre an der Städelschule. Hier sind drei Fenster von ihm zu sehen. Bild: Michael Kretzer

Schreiter ist der bedeutendste Kirchenfenstermaler der Gegenwart. Niemand hat sich so vehement wie er gegen Kitsch und Belanglosigkeit in der Ausstattung von sakralen Räumen ausgesprochen. Nun feiert er seinen 80. Geburtstag.

          Die Ansicht, Moderne und Glauben schlössen einander aus, ist ein weitverbreiteter Irrtum. Dabei ist die künstlerische Neuformulierung, Transformation, Umdeutung des Religiösen so charakteristisch für die Kultur des 20. Jahrhunderts, dass dieser Aspekt der Avantgarde alle anderen überstrahlt. Bei wenigen Künstlern jedoch ist die Spannung zwischen zeitgenössischer Form und numinosem Gehalt derart sichtbar wie im Werk von Johannes Schreiter.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Er verzichtet auf christliche Metaphorik, Illustrierung von Heilsgewissheiten, herkömmlichen und eingängigen Symbolen. Die Zeichen, die er benutzt, die Gestalt, die er seinen Arbeiten gibt, die Kompositionen, die er mit innovativen Mitteln erzeugt: dies alles ist absolut modern, kompromisslos gegenwärtig, auf der Höhe der ästhetischen Entwicklung. Aber es geht Schreiter nicht um Selbstzweck und Autonomie, um eine bloß formale Auseinandersetzung oder gar eine ornamentale Ausschmückung der Lebenswelt. Vielmehr führen seine Bilder und Zeichnungen, seine Collagen und Glasfenster immer vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, von der wahrnehmbaren Realität zur geistigen Wirklichkeit, vom irdischen Schein zum göttlichen Sein.

          Gegen Kitsch und Belanglosigkeit

          Künstlerische Unabhängigkeit zu behaupten, sagte er gelegentlich, bedeute eine Abkehr von Gott. Für Schreiter eine Unmöglichkeit. Das heißt nicht, Zweifel zu verleugnen. Sie gehören zum Glauben, wie Schreiter ihn lebt und phasenweise erlitt, unabdingbar dazu. Im Œuvre des in Langen beheimateten Künstlers sind es Elemente wie die nervösen, Rissen gleichen Linien oder auch Zerstörungen des Feuers auf Zeichenblättern, die vom Weg des Zweifels bis hin zur Verzweiflung zeugen. Die protestantische Strenge, der er sich als Christ unterwirft, entspricht der Unerbittlichkeit seiner künstlerischen Maßstäbe. Schreiter ringt mit sich. Als glaubender Mensch. Als denkender Maler.

          Schreiter ist der bedeutendste Kirchenfenstermaler der Gegenwart. Niemand hat sich so vehement wie er gegen Kitsch und Belanglosigkeit in der Ausstattung von sakralen Räumen ausgesprochen. Er ist weit und breit der einzige Künstler, der innerhalb des im vorigen Säkulum schwierig gewordenen Dialogs zwischen Kirche und Kunst an den hohen Ansprüchen festhielt, die in früheren Jahrhunderten selbstverständlich waren. Dass sein Opus magnum nicht ausgeführt wurde, das Bildprogramm für die Heidelberger Heiliggeistkirche, spricht für das gestörte Verhältnis der Kirche zu einer Kunst, die tief religiös ist, aber, statt biblische Geschichten abzubilden, im weltlichen Koordinatensystem das Wunderbare, das Göttliche, das Überirdische zum Vorschein bringen will. Einzelne Fenster des Zyklus sind später realisiert worden, das Medizinfenster etwa, das Literaturfenster oder das Biologiefenster, das dauerhaft in Langen bleiben wird und einen Höhepunkt der dortigen Glaskunst-Präsentation darstellt.

          Drei Jahre lang Rektor der Städelschule

          Schreiter wurde 1930 im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz geboren. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht, Musik zu studieren, wandte er sich der bildenden Kunst zu und war von 1949 bis 1957 an Akademien in Münster, Mainz und Berlin eingeschrieben. 1958 schuf er seine ersten Brandcollagen. Er gilt als Erfinder der Methode, mit Hilfe von Feuer und Rauch die Möglichkeiten der abstrakten Kunst zu erweitern und ihr einen neuen inhaltlichen Horizont zu eröffnen: Das Fragile, Fragwürdige, Brüchige der menschlichen Existenz und damit die Heilsbedürftigkeit des Individuums ließen sich auf diese Weise eindrücklich ins Bild setzen.

          Schreiter leitete von 1960 bis 1963 die Abteilung „Fläche“ an der Staatlichen Kunsthochschule Bremen. Von 1963 bis 1987 lehrte er an der Frankfurter Städelschule, deren Rektor er von 1971 bis 1974 war. Seine Glasfenster zieren Gebäude überall auf der Welt, katholische wie evangelische Kirchen, im Frankfurter Dom beispielsweise ist eines in der Wahlkapelle zu sehen. Wer mit Glas arbeitet, kümmert sich um das Licht. So ist Schreiter, der heute 80 Jahre alt wird, vor allem ein Lichtkünstler. Für ihn hat dies allerdings weniger mit Helligkeitswerten als mit Erhellen, Erleuchten, Erkennen zu tun. Daher können auch, folgt man dem Denken dieses außergewöhnlichen Manns, aus den dunkelsten Farben die hellsten Wahrheiten hervorleuchten.

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