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„Nabucco“ in Mainz : Prototypen der Macht

  • -Aktualisiert am

Vor Gott sind alle gleich: Mainz macht keine Unterschiede zwischen Babyloniern und Hebräern. Bild: Andreas Etter

Der Herrscher, seine Töchter, die Babylonier, die Juden: Alle scheitern in der skeptischen Neuproduktion von Verdis Frühwerk, die Marcos Darbyshire auf die Bühne des Mainzer Staatstheaters gebracht hat. Auf ganzer Linie siegen hingegen Orchester und Chor.

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          Der Platz des Volkes ist weit unten: Unter dem Altar, unterhalb der Treppen, die hineinführen in das geschlossene, dunkel gehaltene Einheitsbühnenbild, das die vier Akte von Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ beklemmend einfasst. In seiner Mainzer Neuinszenierung von Verdis frühem, mit seinem „Gefangenenchor“ bisweilen irritierend zu einer Befreiungsoper umgedeutetem Erfolgsstück hebt der junge argentinische Regisseur Marcos Darbyshire sogar die Unterteilung des Volkes in Hebräer und Babylonier auf. Wenn Zaccaria, der Hohepriester, in seiner Führung Schwäche zeigt, wendet sich dieselbe Menge kurzerhand dem Gegenspieler Nabucco zu, der im blütenweißen Anzug wie das Abziehbild eines Gegenwarts-Diktators lächelt.

          Es sind moderne Prototypen, die der Regisseur in Verdis alttestamentarischem Frühwerk auftreten lässt. Sie lassen das Geschehen im Bühnenbild von Martin Hickmann und den Kostümen von Annemarie Bulla nicht vordergründig aktuell, sondern zeitlos wirken, trotz beherzter Eingriffe der Regie. Nicht ein Blitz Gottes bringt Nabucco zu Fall, als er sich selbst zum Gott ausruft, sondern die eigene Tochter Abigaille, die erst den Vater blutig verletzt und dann, mit schmerzhaften Schnitten, das eigene Gesicht entstellt – bis sie mit neuem Antlitz als neue, noch grausamere Herrscherin erscheint. Sie, deren Abstammung von einer Sklavin ihr die Herrschaft eigentlich verwehren würde, und ihr Verhältnis zum königlichen Vater bilden die Achse der Neuinszenierung. Die vokale Seite beglaubigt die Schwerpunktsetzung, denn Marta Torbidonis schneidende, haltlose Dramatik setzt sich von Brett Carters geschmeidigem Nabucco nicht ohne Drastik ab.

          Ta­bleauhafter zweiter Teil 

          So zwingend Darbyshire das Verhältnis von Vater und Tochter entwickelt, so ta­bleauhaft bleibt gerade der zweite Teil der Oper, in dem das Volk immer häufiger die Arme gen Himmel reckt und die Hände räkelt. Wenig anfangen kann der Regisseur von Anfang an mit der Figur der Fenena, Nabuccos jüngerer Tochter, und ihrer Liebe zu Jerusalems König Ismaele. Die Verankerung der Figuren im Prototypischen gilt auch für ihn, er ist der langhaarige Revoluzzer, dem man, wie allen Personen des Dramas, letztlich beim Scheitern zusieht. Mit seinem druckvoll-engen bis exaltierten Tenor lässt Vincenzo Costanzo ohnehin jede Autorität des Aufbegehrens vermissen; an seiner Seite steht Aya Wakizono als Fenena, lyrisch in sich ruhend, aber letztlich ohne Einfluss. Dieser bleibt letztlich auch Zaccaria versagt, den Simón Orfila mit im Laufe des Abends fokussierter klingendem Bassbariton gibt.

          Einem Kind, einem mit seinem Jo-Jo spielenden Jungen, kommt es letztlich zu, Nabucco die Augen für das Geschehen zu öffnen, als Fenena zur Hinrichtung geführt wird. Der Auftritt des Kindes, der nur auf den ersten Blick nach einem strapazierten Regieeinfall aussieht, ist ein griffiges Bild für die väterlichen Gefühle, die offenbar stärker sind als die religiöse Erweckung, die an dieser Stelle eigentlich zu zeigen wäre. Wenn am Ende Abigaille unter dem Dröhnen des gleichen, unausweichlich mechanischen Geräuschs per Drehbühne aus dem Geschehen befördert wird, gehört das zu den Facetten der Regie, die das Prototypische um das allzu Deutliche erweitern.

          Dass im Staatstheater Mainz, anders als an den benachbarten hessischen Bühnen, derzeit vor vollem Haus gespielt werden kann, dürfte einen nicht zu unterschätzenden Teil des Gelingens dieser Premiere ausmachen. Als kollektives Erlebnis wirkt „Nabucco“ umso mitreißender, wenn die Partitur des jungen Verdi mit so viel Drive, so nachdrücklich und doch exakt ausgespielt wird, wie es dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz unter der Leitung seines Kapellmeisters Daniel Montané gelingt. Er bindet den von Sebastian Hernández-Laverny vorzüglich einstudierten Chor so eng und präzise in das Geschehen ein, dass die Begeisterung des Publikums dafür keine Grenzen zu kennen scheint.

          Nabucco Nächste Vorstellungen am 2. Februar und 29. März von 19.30 sowie am 6. Februar und 20. März von 18 Uhr an

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