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Giulia Enders in Dieburg : Unterhaltsames über menschliche Ausscheidungen

  • -Aktualisiert am

Unverblümt: Giulia Enders erklärt die Funktion des Darms ohne Scham. Bild: Wonge Bergmann

Die Medizinstudentin Giulia Enders gibt sich ungeniert. Ihr Buch „Darm mit Charme“ ist ein Bestseller. Bei der Lesung in Dieburg haben die Zuhörer viele Fragen dazu.

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          Wenn der Darm denkt, kommt meist nichts Gutes dabei heraus. Die Frage, darf ich oder nicht, zum Beispiel pupsen, stellt er sich erst gar nicht. Er denkt nur: Weg, weg, weg. Egal, ob die Situation nun günstig ist oder nicht, denn der Darm weiß nichts von Geschäftsmeetings oder Abendessen bei Kerzenschein. Wer diesen Umstand kennt, lauscht dem Treiben im eigenen Darm in Zukunft womöglich etwas entspannter. Durch das Wissen ändert sich vielleicht sogar das Gefühl zu einem selbst: Wo ich pupse, da darf ich sein - wenn auch nach wie vor lieber auf dem privaten Sofa als am Arbeitsplatz.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Nun hat aber eine junge Frau, 24 Jahre alt, Doktorandin der Medizin in Frankfurt, den Darm quasi aus seiner dunklen Ecke an die Öffentlichkeit gezerrt und zum Thema eines der meistverkauften Sachbücher der vergangenen Jahre geschrieben. Laut Ullstein Verlag liegt die Druckauflage von „Darm mit Charme“ von Giulia Enders aktuell bei 500.000 Exemplaren. Die Autorin auf dem Buchcover ist klein und schmal und schreibt über Scheiße und Dreck - das ist, als redete ein Mitglied der Hells Angel über die Zucht von Kaninchen mit rosa Fell.

          Buch ist Liebe zum Darm

          Dieses Buch ist also eine Provokation und will doch gar keine sein. Aber es geht eben um den menschlichen Körper, um sein Ausscheidungsorgan. Darüber zu sprechen, gilt noch immer für viele als Tabu. Sie kichern und werden rot. Nicht besser als Jugendliche im Sexualkundeunterricht, wenn Kondome auf den Tisch gelegt werden. Ein Schock, der erst einmal überwunden werden muss. Schließlich hat Enders kein Buch über die Niere oder die Herzkammer geschrieben, sondern über den Darm. Also doch eine wohlkalkulierte Provokation?

          Tatsächlich ist es allerdings Liebe, Liebe zum Darm. Das merkt man, wenn man Enders’ unaufgeregtes und witziges Buch liest. Und man merkt es auch während ihrer Lesungen, wie am Mittwochabend in der Gutenberghalle in Dieburg. Die Zuhörer kommen von weit her, um der gebürtigen Mannheimerin und ihren Geschichten zum Darm zu lauschen, ihrem Drang nach innen zu folgen.

          Kindliche Freude laut übers Furzen zu reden

          Wie es zu dem Text kam, dürften die meisten schon aus dem Buch erfahren haben: Ein Mitbewohner in Enders’ Wohngemeinschaft fragte die angehende Medizinerin, wie das denn mit dem Stuhlgang so funktioniere. Enders recherchierte und schrieb einen munteren Text, mit dem sie mehrere „Science-Slams“ gewann. Das Video dazu wurde auf Youtube zum Hit - und eine Literaturagentin auf Enders aufmerksam. Entstanden aus einem Internet-Erfolg, ist es also ein sehr modernes Buch. Aber gleichzeitig auch ein klassisches, beschäftigt es sich doch mit dem wohl Kompliziertesten überhaupt: uns selbst.

          Wie den Besuchern der Lesung anzusehen ist, kann es aber auch eine kindliche Freude sein, endlich einmal laut und frei über „Kacken, Kotzen und Furzen“ zu sprechen. Aber auch das ist aus dem Sexualkundeunterricht schon bekannt. Noch mehr Vergnügen als die heimische Lektüre des Buchs bringt die Lesung, wenn Enders berichtet, dass zehn bis 20 Prozent aller Deutschen unter Verstopfungen leiden, man die Stuhlreihe vor sich einmal abzählt und plötzlich meint, eine Menge über eigentlich wildfremde Menschen zu wissen.

          „Sendung mit der Maus“ zur Verdauung

          Aber will man das überhaupt? Hat ein Tabu nicht auch sein Gutes? Da wird die Autorin und Naturwissenschaftlerin Enders fast ein bisschen philosophisch. „Seit ich mich so intensiv mit dem Darm beschäftigt habe, gehe ich insgesamt besser mit mir um.“ Sie will ihre Zuhörer auch an diesem Abend nicht nur amüsieren, sondern ihnen etwas beibringen. Deswegen liest sie erst einige Passagen aus ihrem Buch und beantwortet dann Fragen. Denn die haben viele Zuhörer, vor allem die Frauen, noch, hat Enders während ihrer Lesereise durch Deutschland festgestellt.

          So wird aus der Lesung eine Art „Sendung mit der Maus“ zum Thema Verdauung. Wie findet der Darm das Fasten? Nach dem Essen ruhen oder bewegen? Enders antwortet kompetent, aber durchaus leidenschaftlich, wo sie als Studentin nicht weiterweiß, empfiehlt sie den Gang zum Arzt. Ihre Tipps sind teilweise so banal wie charmant: Auf die Frage, woran man einen kranken Darm erkenne, antwortet sie: „Einfach mal nach dem Klogang umdrehen und schauen, was da so liegt.“ Dieser Hinweis mag nicht direkt zur Selbsterkenntnis führen, ist aber allemal unterhaltsamer als das Blättern durch die „Apotheken-Umschau“.

          Fast schade, dass damit bald erst einmal Schluss sein soll. Enders will sich auf ihre Doktorarbeit konzentrieren. Thema: das Bakterium acinetobacter baumannii, das beim Menschen Wundinfektionen, Atemwegsinfekte und Blutvergiftung verursachen kann. Auch ein schönes Feld. Darüber könnte man mal ein Buch lesen. Enders könnte es bestimmt unterhaltsam schreiben.

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