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Gil Shachar : Kopf im Geäst

Begegnungen: Unbetitelte Skulptur von Gil Shachar und eine Arbeit von Robert Longo im Sinclair-Haus. Bild: Altana Kulturstiftung

„Natur und Abbild“: Werke von Gil Shachar im Dialog mit der Altana Kunstsammlung in Bad Homburg.

          „Nur als wie Gedanken / lagen wir im schlanken / grauen Baumgeäst; / unsichtbare Geister, die der Weltbaumeister / dort verweilen lässt.“ Wenn man es nicht besser wüsste, man wäre um ein Haar versucht zu glauben, Christian Morgenstern habe „Weidenkätzchen“ vor einer Skulptur Gil Shachars verfasst, genauer: vor dem im kahlen Geäst eines Bäumchens ruhenden Kopf aus dem Jahr 2009. Und der Bildhauer, könnte man denken, habe sich womöglich von der „Structure of thought“ von Doug & Mike Starn inspirieren lassen, in deren unmittelbaren Zusammenhang seine Arbeit rückt.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei ist das alles nichts als eine Inszenierung, eine kuratorische Idee, auf deren Basis Ausstellungen zu konzipieren bei der Altana Kulturstiftung schon eine kleine Tradition geworden ist. Jahr für Jahr lädt sie einen Künstler ins Sinclair-Haus in Bad Homburg ein und bietet ihm am, seine eigene Werke im Dialog mit der ganz auf das Thema Natur konzentrierten Sammlung zu zeigen. Selten war die Verbindung eine derart glückliche wie im Fall des 1965 in Tel Aviv geborenen Shachar und der Schau „Natur und Abbild“.

          Seit 15 Jahren lebt der Künstler in Deutschland

          Dabei mochte man im Vorfeld durchaus gewisse Zweifel hegen, ob sein realistisches, ja hyperrealistisches Werk, all die mit Wachs und Epoxidharz nach dem Prinzip der verlorenen Form gegossenen und aufwendig kolorierten Köpfe, Büsten und Körperfragmente mit, sagen wir, einem Gemälde von Herbert Brandl oder Anselm Kiefer, den Zeichnungen Tilo Baumgärtels oder Robert Longos oder auch den Fotografien Roni Horns harmoniert. Ob sich womöglich neue Sichtweisen, ungeahnte Spannungsfelder eröffnen ließen oder ob nicht diese Inszenierung vielmehr am Ende aufdringlich wirken oder, schlimmer noch, sich gar in der Redundanz verlieren wird. Doch fast ausnahmslos ist hier das Gegenteil der Fall.

          Denn der seit 15 Jahren in Deutschland lebende Künstler hat etwa mit einer unbetitelten Büste und dem meditativen, von einer Bachkantate unterlegten Video Christoph Brechs, mit seinem „Marik der Maler“ und einem Gemälde Per Kirkebys oder im Dialog mit Papierarbeiten von Georg Baselitz und José Maria Sicilia Werkpaare zusammengestellt, die sich nicht einfach spiegeln, sondern gleichsam einen perspektivisch mehrfach gebrochenen Raum bilden, der immer wieder still, doch nachhaltig vibriert. Und auch die Idee des Kurators Johannes Janssen, diese von Shachar eröffneten Dialoge mit literarischen Zitaten etwa von Goethe und Stifter, Morgenstern oder Antonin Artaud um eine zusätzliche, aus nichts als Klang und Sprache gebaute Ebene zu bereichern, geht meist erstaunlich gut auf.

          Keineswegs harmlos

          Zwar hätte man vielleicht auf Johann Agricolas Text zum Bachchoral verzichten können. Doch ein Ensemble wie jenes, wo sich Shachars lebensechte, als Früchte eines Baumes wachsende Ohren, Finger, Zehen mit den Zeilen Artauds, Baselitz’ wiederum auf dessen „Theater der Grausamkeit“ bezogener Radierfolge „Fluss und Schrift“ sowie Sicilias Zeichnungsserie „Un despertar sin imagen“ zusammenfinden, lohnt fast schon alleine den Besuch. Vergleichbar verstörende Wirkung entfaltet hier allenfalls jener jäh vor dem Betrachter sich auftuende Assoziationsraum, dessen Eckpunkte Shachars verblüffend echt erscheinender Regenmantel „o.T.“ aus dem vergangenen Jahr sowie die Fotoarbeiten Roni Horns markieren.

          Denn so lapidar die Zusammenstellung auch zunächst anmuten mag: Kaum hat man hier die schweren Steine in den Manteltaschen wahrgenommen, kaum sich vage auch daran erinnert, dass Horns aufgewühlte, schmutzigbraune Wasser der Serie „From Some Thames“ keineswegs so harmlos sind, wie es dem arglosen Betrachter auf den ersten Blick erscheint, liest man jene begleitenden Zeilen aus Michael Cunninghams Virginia-Woolf-Roman „Die Stunden“ mit wachsendem Erschauern. „Beinahe unfreiwillig (es kommt ihr unfreiwillig vor) tritt oder torkelt sie vorwärts, und der Stein zieht sie hinein. Einen Augenblick kommt es ihr dennoch nichtig vor; es kommt ihr vor, als habe sie ein weiteres Mal versagt; nur kühles Wasser, aus dem sie mühelos wieder herausschwimmen kann; doch dann erfasst sie die Strömung.“

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