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Gesellschafterstreit vor Gericht : Gezerre um Suhrkamps Umzug

Suhrkamp-Kultur: Bis zum Umzug des Verlags nach Berlin müssen in Frankfurt einige Probleme gelöst werden. Bild: Astis Krause

Soll der Umzug wie geplant zum Januar abgeschlossen sein, muss die Suhrkamp-Chefin in den nächsten vier Monaten für alle offenen Fragen Lösungen finden, von der Finanzierung des Umzugs bis zum Umgang mit der Gesellschafterstruktur des Verlags.

          Ulla Unseld-Berkéwicz hat in diesen Wochen alle Hände voll zu tun. Seit der Suhrkamp-Verlag Anfang Februar bekanntgab, die Gesellschafter hätten den Umzug des Unternehmens nach Berlin mehrheitlich gebilligt, hat sich die Zahl der mit diesem Entschluss verbundenen Probleme ständig erhöht. Soll der Umzug wie geplant zum Januar abgeschlossen sein, muss die Suhrkamp-Chefin in den nächsten vier Monaten für alle offenen Fragen Lösungen finden, von der Finanzierung des Umzugs bis zum Umgang mit der Gesellschafterstruktur des Verlags.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viel hängt vom Ausgang des Verfahrens ab, das Joachim Unseld am Landgericht Frankfurt gegen die Unseld-Familienstiftung, die Suhrkamp Verlagsleitung GmbH und die Medienholding AG Winterthur angestrengt hat. Unseld-Berkéwicz kontrolliert als Vorsitzende der Stiftung die Mehrheit der Verlagsleitungsgesellschaft, die Medienholding hält die restlichen Anteile und ist darüber hinaus einer der beiden Minderheitsgesellschafter des Suhrkamp-Verlags. Der andere ist Unseld, der sich auf der entscheidenden Gesellschaftersitzung im Februar als einziger gegen den Umzug aussprach und nun beantragt hat, das Gericht möge den Umzugsbeschluss für nichtig erklären.

          Auch Sache der Gesellschafter?

          Wie Suhrkamp aus dieser Situation hervorgeht, ist noch nicht absehbar. Den Versuch der Verlagsanwälte, die Existenz des von Unseld angenommenen Umzugsbeschlusses zu verneinen und dadurch seine Klage ins Leere laufen zu lassen, hat das Gericht ihnen nicht durchgehen lassen. Es hat vielmehr angedeutet, seiner Meinung nach sei die Entscheidung über einen Unternehmensumzug nicht nur Sache der Geschäftsführung um Unseld-Berkéwicz, sondern auch der Gesellschafter, die einen Konsens erzielen müssten.

          Sollte das Gericht den Umzugsbeschluss tatsächlich für nichtig erklären, müsste die Verlegerin, die als Initiatorin des angestrebten Ortswechsels gilt, entweder gegen einen Gerichtsbeschluss umziehen, in Frankfurt bleiben oder solange mit Joachim Unseld verhandeln, bis dieser einem Umzug doch noch zustimmt. Um so dringender müsste die Geschäftsführung versuchen, Unseld seine Anteile am Verlag zu einer für ihn annehmbaren Summe abzukaufen. Entsprechende Verhandlungen sind seit dem Frühjahr geführt worden, nun aber ins Stocken geraten. Unseld, der das laufende Gerichtsverfahren nicht kommentieren wollte, sagte gestern, er habe im Juni ein Angebot erhalten, dass er nicht habe annehmen können, seitdem aus dem Verlag aber nichts mehr gehört.

          Dringender Verkauf der Archive

          Ob dies damit zusammenhängt, dass Suhrkamp viel Geld braucht, aber nur wenig hat, ist unklar. Der Verlag, der zwischen 2005 und 2007 jedes Jahr Verlust gemacht hat, zahlt hohe Schulden ab. Für den Umzug nimmt die Geschäftsleitung jedoch umfangreiche Abfindungen und weitere Sozialleistungen sowie die Sanierung des Nicolai-Hauses in Berlin-Mitte in Kauf, das als repräsentativer neuer Verlagssitz gedacht war. Seit klar ist, dass der Verlag zumindest für die ersten beiden Jahre ein Übergangsquartier beziehen muss, kommt die Miete für zwei Obergeschosse eines langgestreckten Bürogebäudes am Prenzlauer Berg hinzu.

          Ein schneller Verkauf der Verlagsarchive, wie ihn die Verlegerin anstrebt, wäre also ebenso dringend wie der Verkauf des Frankfurter Verlagssitzes an der Lindenstraße. Noch immer an den Archiven interessiert sind das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Frankfurter Goethe-Universität, die auch weiterhin von der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen unterstützt wird. Eva Kühne-Hörmann (CDU), Ministerin für Wissenschaft und Kunst, bekräftigte kürzlich, man bemühe sich zu dritt um einen Kauf. Da noch beide Bieter im Spiel sind, dürfte der Verlag seine Preisvorstellungen in nächster Zukunft allerdings beibehalten. Diese liegen dem Vernehmen nach bei einem hohen einstelligen Millionenbetrag. Bis zu welcher Summe sich die hessische Seite in dieser Situation gegen Marbach durchsetzen könnte, bleibt abzuwarten.

          „Angemessene und befriedigende Lösung“

          Universitätspräsident Werner Müller-Esterl sagte jedoch, die mit Suhrkamp vor kurzem vereinbarte Schätzung des Archivwerts durch einen externen Gutachter diene auch dazu, dem Verlag das Interesse der hessischen Bieter noch einmal deutlich zu machen. Angewiesen ist er auf das für die nächsten Tage zu erwartende Ergebnis der Schätzung allerdings auch für die Suche nach weiteren Geldgebern. Aus Wiesbaden hatte man den Verlag dem Vernehmen nach schon vor einiger Zeit gedrängt, der hessischen Seite ebenso präzise Angaben zu Inhalt und Wert des Archivs zugänglich zu machen wie Marbach, das die Verlagsarchivalien für die Geschäftsführung gesichtet hatte.

          Müller-Esterl scheint finanzielle Unterstützung eher bei Stiftungen des Rhein-Main-Gebiets als der Kulturstiftung der Länder zu suchen, deren Aufgabe es ist, Archive und Bibliotheken bei der Erwerbung bedeutender Kulturgüter zu unterstützen. Unterdessen gilt es in Frankfurt als ausgemacht, dass Marbach sich an den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien wenden wird. Ein Sprecher von Staatsminister Bernd Neumann (CDU) teilte auf Nachfrage mit, bislang sei noch keine Bitte um Unterstützung eingegangen, man gehe allerdings davon aus, dass es „eine der Bedeutung des Archivs angemessene und befriedigende Lösung“ geben werde.

          Während die potentiellen Käufer der Archive nach Geld suchen, sieht es so aus, als könne die Suhrkamp-Geschäftsführung zumindest in einem Punkt sparen. Im Frühjahr hatte der Verlag mitgeteilt, gut 100 von insgesamt etwa 150 Beschäftigten zögen an die Spree, das restliche Drittel habe ein Abfindungsangebot angenommen. Die Reihen wirken weniger geschlossen, berücksichtigt man nur die fast 120 fest angestellten Mitarbeiter, denen im Frühjahr Änderungskündigungen zugestellt wurden. Aus dem Betriebsrat heißt es, nur 67 von ihnen beabsichtigten im Augenblick, mit nach Berlin zu gehen. Das wäre lediglich etwas mehr als die Hälfte der fest Beschäftigten. Suhrkamp scheint auf halbem Niveau weitermachen zu wollen.

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