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Geschichte des Rock'n'Roll : Das Hässliche im Mitmenschen als Konzertbesucher

  • -Aktualisiert am
Das Gekreische der Frauen gehört seit Elvis zur populären Musikkultur: Guido Sieber, „Fans”.
          2 Min.

          Rock‘n‘Roll und leise Töne, das geht nicht gar so gut zusammen, und daher verwundert es kaum, dass eine „Rock‘n‘Roll Fever“ betitelte Ausstellung zum Drastischen tendiert. Sonst wäre sie wohl auch für das „caricatura museum frankfurt“ ungeeignet, das Museum für Komische Kunst am Weckmarkt. Das Übertriebene, Überdrehte, Verstärkte, Verzerrte, ins Groteske Überhöhte und aufs Grobe Reduzierte prägen die Pop-Musik ebenso wie die Karikatur. Überraschend, dass sie nur selten zusammenfinden, oder vielleicht doch nicht so überraschend, weil es die Unterhaltungsmusik ernst meint und falsche Gefühle, tumbe Rhythmen, klebrige Melodien präsentiert, als wolle sie damit Heilsbotschaften von planetarischer Bedeutung vermitteln. Während die dem Komischen verpflichteten Bildkünstler in der Überzeichnung die Wahrheit zum Vorschein bringen möchten.

          Nun also sind die Bilder von Guido Sieber zu sehen, versehen mit Texten von Franz Dobler, der seinem Schreibauftrag freilich so eifrig nachkam, dass er viel zu viele Worte verlor, weshalb ein Buch entstand, das nichts weniger zu sein beansprucht als eine Geschichte der populären Musik. Buch und Schau stellen sich in den Dienst der Entlarvung. Zwar hat jeder schon einmal vom großen Rock‘n‘Roll-Schwindel gehört, selten aber ist er von Gospel bis Prince so plakativ in Szene gesetzt worden. Nach Besuch der Ausstellung muss jedem klar sein, dass er sein Interesse an populärer Musik mit lauter schrecklichen Spießern und Dumpfbacken teilt. Die logische Konsequenz wäre, ganz auf Bach und Mozart umzusteigen, aber wir wollen uns gar nicht vorstellen, welche Fratzen und Charaktermasken uns entgegenblickten, wenn Sieber und Dobler sich des Publikums angenommen hätten, das klassische Konzerte über die Maßen schätzt. Auch hier könnten sie das Hässliche im Mitmenschen opulent herausarbeiten. Doch mussten sie sich offensichtlich an einem Thema abarbeiten, das in ihren eigenen Biographien eine zentrale Rolle zu spielen scheint.

          Schnell öde

          Gerade in der Gestaltung von Hautunreinheiten leistet der Maler und Zeichner Sieber Erstaunliches: So schillernd blinkten selten einmal Pickel und Pusteln von der Leinwand. Vor allem die Konsumenten der populären Musik bekommen ihr Fett weg, aber auch die Akteure werden nicht geschont. Ihre Beschränktheit wird erbarmungslos vorgeführt, ihre Herkunft aus intellektuell bescheidenen Verhältnissen enthüllt. Der Zusammenhang von Rock und organisiertem Verbrechen offenbart sich schon in den Physiognomien von Sängern und Mafiabossen: alles dieselbe Mischpoke. Immerhin kommen Bob Dylan oder Jimi Hendrix einigermaßen gut weg, obwohl selbst sie dem sezierenden Blick und den gern im welken Fleisch schwelgenden Pinsel nicht entgehen.

          Diese Schau führt die tumbe Seite der Musikmacht vor und tut so, als sei sie die einzige. Das wirkt schnell öde. Der Blick auf Rhythm and Blues, Country and Western, Twist, Rock, Beat, Pop, auf eine Massenkultur also, die den kollektiven Gefühlshaushalt von Generationen prägte, ist bitterböse. Sieber und Dobler schauen genau auf den Betrieb und die Betriebsblinden, die ihn am Leben erhalten. Die Poptraumfabrik aber interessiert diesen grellen Realismus nicht. Er wirkt wie ein Abwehrzauber: gegen das ungemeine Glück, das der Rock‘n‘Roll in sich birgt.

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