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Geschenkkultur von Kaiser Wilhelm II. : Anerkennung für den Hoflieferanten

Gedenktasse aus der Zeit vor 1894 Bild: F.A.Z. - Astis Krause

Broschen, Tassen, Orden oder Porzellaneier: Die Bad Homburger Ausstellung „Aus allerhöchster Schatulle - Kaiserliche Geschenke“ stellt die Geschenkkultur von Kaiser Wilhelm II. vor.

          Auguste Viktoria hatte gerade den Enkel des Kaisers geehelicht, den späteren Wilhelm II., als sie eine merkwürdige Sitte am preußischen Hof kennenlernte. „Am Abend beim Familiendinner kamen alle mit eiergefüllten Körbchen, Taschen etc. Es sah fast komisch aus“, schrieb sie 1881. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden im Haus Hohenzollern Porzellan-Ostereier der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) innerhalb der Familie verschenkt.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Sitte war durch verwandtschaftliche Beziehungen zum Zarenhof aus Russland eingeführt worden. Die Eier trugen Motive, die mit dem Osterfest nichts zu tun haben: Im Bad Homburger Schloss ist eine Auswahl zu sehen, die zum Beispiel das Berliner Schloss oder Kaiser Wilhelm II. als Soldat im Feld zeigt. Die mit einem Krönchen verschlossenen Eier waren schon damals gefüllt: mit Duftöl oder Schnaps.

          „Aus allerhöchster Schatulle – Kaiserliche Geschenke“ heißt die Ausstellung, die sich mit der Geschenkkultur der Kaiserzeit befasst. Dabei geht es nicht nur um Gaben zu besonderen Anlässen am Hof. Gerade Bürger und Militärs wurden mit allerlei Aufmerksamkeiten bedacht. Als „eine Form der Kundenbindung“ sieht der Direktor der hessischen Schlösserverwaltung, Karl Weber, den Brauch, für den es zahlreiche Gelegenheiten gab. Die Herrscher, vor allem Wilhelm II., hätten sich der Popularität versichern wollen. Es handele sich um ein politisches Instrument, das sich letztlich bis zum heutigen Bundesverdienstkreuz fortsetze.

          Zigarettenetuis in allen Formen und Ausführungen

          Ein Teil der Ausstellung war im vergangenen Jahr in der Hohenzollernburg in der Schwäbischen Alb und in Potsdam zu sehen. Für Bad Homburg ist sie nach Worten von Kuratorin Friedl Brunckhorst auf 140 Objekte deutlich erweitert worden. Denn auch die Untertanen an seiner Sommerresidenz bedachte der letzte deutsche Kaiser vielfältig. Ein reich verziertes Altarkreuz, das eigentlich 1898 für die Erlöserkirche in Jerusalem bestimmt war, schmückte stattdessen die neue, gleichnamige Kirche in Bad Homburg. Ebenso zwei Luther-Bibeln.

          In einer Vitrine liegt ein Roter-Adler-Orden, wie ihn Wilhelm II. einst Baurat Louis Jacobi verlieh, mit dem er freundschaftlich verbunden war. Eine Brosche mit Adlermotiv samt Urkunde erhielt Peter Kleemann, Urgroßvater einer Mitarbeiterin der Schlösserverwaltung. Der Wirt des Gasthauses „Zum Römer“ war als Hoflieferant für die „Ausspeisung der Beamten“ zuständig. Kaiserin Auguste Viktoria hat deshalb „huldvoll geruht“, ihm die Nadel „in Anerkennung der langjährigen guten Verpflegung Allerhöchsten Personals“ zu bestimmen.

          Zigarettenetuis in allen Formen und Ausführungen bis hin zum vierteiligen Rauchset waren häufig für Offiziere vorgesehen. Daneben findet sich ein Lederetui für Streichhölzer. Eine wertvolle goldene Anstecknadel mit Brillantsplittern, Saphir und Rubinen, das Erkennungszeichen der Ausstellung, bekam der schwedische Künstler Carl Romin. Wilhelm II. lernte ihn wohl auf einer seiner jährlichen Nordlandfahrten kennen. Fotos mit Autogramm wurden in großer Zahl verschenkt. Aufwändige Vasen der KPM, oft nach Vorbildern des friderizianischen Rokoko angefertigt, dienten eher als Geschenk bei offiziellen Anlässen. Wie so oft war Wilhelm II. auch bei der Gestaltung der Präsente direkt beteiligt. Einige Skizzen tragen seine Anmerkungen. Zu den skurrilen Geschenken zählt ein Kristallanhänger mit dem Datum 2. Juni 1878. Darin sind Schrotkugeln eingeschlossen, mit denen der Attentäter an jenem Tag auf Wilhelm I. schoss. Der dabei schwer Verletzte dachte den Anhänger einem engen Vertrauten zu, dem Korrespondenzsekretär Carl Bork.

          Oberhofmarschall wickelte die Geschenke ab

          Schauspieler, Kappellmeister, Hofgärtner oder Stationsvorsteher: Die Auszeichnung durch eine kaiserliche Gabe konnte jeden treffen. Nach 50 und 60 Jahren Ehe gab es eine silberne Jubiläumsmedaille – wenn sich das Paar durch „sittlich reinen, friedlich frommen Wandel“ ausgezeichnet hatte. Diesen Anspruch hatte auch Anna Hollenbeck erfüllt, mit 100 Jahren älteste Einwohnerin des Kreises Osterholz. Sie erhielt 1915 eine Tasse mit Reliefporträt und Monogramm.

          Der Geschmack des Kaiserhauses war äußerst traditionell. Die Ausstellung kontrastiert dessen Bestellungen mit den Jugendstilarbeiten, die der KPM zu jener Zeit großen Erfolg bescherten. Zuständig für die Abwicklung des Schenkens waren das Oberhofmarschallamt, das Geheime Zivilkabinett, das Ministerium des königlichen Hauses und die Schatullverwaltung, die sich um das Privatvermögen des Königshauses kümmert.

          Aus der Schatulle, die der Schau den Namen gibt, wurden die Privatgeschenke des Kaisers und der Kaiserin für Mitglieder des Hauses Hohenzollern bezahlt. Als Wilhelm II. ins Exil gegangen war, mussten seine Präsente bescheidener werden. Schon 1919 und 1920 in Amerongen widmete er sich dem Holzfällen und verschenkte datierte Baumscheiben, an denen die Zahl der abgesägten Bäume abzulesen war. Eine aus dem Jahr 1920 trägt die Zahl 17.000.

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