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Gershwin in Frankfurt : Ein jeder trägt seinen Porgy in sich

Mit Schwung: Szene aus „Porgy and Besse“, zu sehen von 30. August an in der Alten Oper Bild: Luciano Romano

Gershwins „Porgy and Bess“ ist eine Oper mit Hits und ein Werk für schwarze Sänger, das viele Fragen stellt. Während in Amerika über Schwarz und Weiß diskutiert wird, kommt es nach Frankfurt.

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          Das hatte es noch nie gegeben. Er werde niemals in einem Theater singen, das ihm verbiete, aufgrund seiner Hautfarbe Tickets für jeden Platz zu kaufen, sagte Todd Duncan. Der Direktor des National Theater in Washington gab nach, weil das gesamte Ensemble protestierte: Als im Frühjahr 1936 „Porgy and Bess“, gespielt und gesungen ausschließlich von schwarzen Sängern, dort aufgeführt wurde, durften zum ersten Mal schwarze Zuschauer auf allen Plätzen sitzen - und nicht nur, wie sonst immer, in einem abgetrennten Areal im Rang, weit weg von den weißen Zuschauern.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damals, vor 80 Jahren, ging die Tournee von „Porgy and Bess“ in Washington zu Ende. Vom Broadway aus war die Uraufführung vom Herbst 1935 durch Amerika getingelt. Eine Oper auf Reisen, kein Musical, keine Show, kein bunter Strauß, sondern ein am italienischen Verismo orientiertes Werk, mit mehr als 50 Musikern im Graben, einer ebenso großen Besetzung und einer Bühnendekoration, die von den Kulissen eines ganzen Stadtviertels bis hin zur Puppe reicht, die als Claras Baby dient, Bess’ tragisches Mündel, dem sie „Summertime“ zum Einschlafen singt, wie es zuvor seine tote Mutter tat.

          Schwarze Sänger in der Opernwelt

          „Summertime“ kennt heute so gut wie jeder, es ist einer der meistgecoverten Standards der Musikgeschichte. Sogar hiesige Schlagersänger versuchen, der traurigen, rauhen Süße dieses Liedes nahezu kommen. In Wirklichkeit ist es eine Arie, die dem Sopran nicht weniger abverlangt als Mozart oder Puccini. Kann eine Musik, die von solchen Hits strotzt, eine Oper sein? „Porgy and Bess. Opera in three acts“ hatte George Gershwin 1934 eigenhändig und schwungvoll auf die handgeschriebene Partitur kalligraphiert. Das sah auch damals nämlich nicht jeder so, denn in „Porgy and Bess“ jazzt und groovt es, erst recht, weil Gershwin zuvor mit „Lady, be good“ oder „Funny Face“, meist im Gespann mit seinem Bruder Ira, schon ein erfolgreiches Musical nach dem anderen geschrieben hatte. Dann aber: Eine Oper, ausschließlich gesungen von schwarzen, klassisch ausgebildeten Opernsängern, die in den allermeisten Fällen nur in afroamerikanischen Ensembles sangen.

          Es mussten Jahre ins Land gehen, bis ihnen auch nur annähernd dieselben Möglichkeiten und Theater offenstanden wie ihren weißen Kollegen. Ein Star etwa wie Leontyne Price, die in der 1952 begonnenen Welt-Tourneeproduktion die Bess sang, wurde als Aida erst auf Europas Opernbühnen berühmt, bevor sie an der New Yorker Met gefeiert wurde. Todd Duncan, der erste Porgy, war auch der erste afroamerikanische Sänger in einem weißen Ensemble, als er 1945 an der New Yorker Oper in Leoncavallos „Pagliacci“ auftrat. Bis zum Civil Rights Act, der die Diskriminierung und Rassentrennung in der Öffentlichkeit aufhob, sollte es noch fast 20 Jahre dauern.

          Oper „Porgy and Bess“ sei eine „Missgeburt“

          Auch davon erzählt die Geschichte der Oper „Porgy and Bess“, erzählen die Fotografien, Briefe, Requisitenlisten oder Programmhefte, die alle in der Gershwin-Sammlung der National Library in Washington aufbewahrt werden. Die Gershwin-Erben haben den größten Teil des Nachlasses von George (1898-1937) und Ira (1896-1983) dorthin gegeben, Musiker und Forscher aus aller Welt konsultieren ihn. Washington, wo Martin Luther King 1963 seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt und wo der erste Porgy, Todd Duncan, bis zu seinem Tod 1998, im Alter von 95 Jahren, junge afroamerikanische Sänger unterrichtete, ist nicht der schlechteste Ort für diesen Nachlass.

          Tradition: Historisches Foto der Oper Washington Bilderstrecke

          Denn Gershwins „Porgy and Bess“ mag eine in sich geschlossene Welt zeigen, wo noch die Vorlage, der 1925 erschienene Roman von DuBose Heyward, einem Autor aus Charleston, das weiße Bürgertum der schwarzen, armen Welt der Catfish Row gegenüberstellt, die er selbst noch gekannt hat. Um Freiheit und Gleichberechtigung, um Menschlichkeit geht es in „Porgy and Bess“ allemal. Weshalb auch die Tradition dieser Oper und ihrer Darsteller eine große Rolle spielt. Viele sind ihr über Jahrzehnte hinweg treu geblieben, andere haben befürchtet, nicht aus der Schublade von „Porgy and Bess“ herauszukommen.

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