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Georg M. Oswald in der Romanfabrik : Ihr könnt mich nicht sehen

Georg M. Oswald, Schriftsteller und Kolumnist der F.A.Z. Bild: picture-alliance / dpa

Georg M. Oswald untersucht, was gerade falsch läuft in Politik, Wirtschaft und Rechtsprechung, genauso gerne wie der barmherzige russische Moralist Lew Tolstoi. Aus seinem neuen Roman „Vom Geist der Gesetze“ las er in der Romanfabrik in Frankfurt.

          2 Min.

          Die Erfahrung, die Lew Tolstoi beim Schreiben von „Anna Karenina“ machte, ist auch Georg M. Oswald zugestoßen. Tolstoi begann die Arbeit an seinem Roman in der festen Absicht, mit dessen ehebrecherischer Heldin scharf ins Gericht zu gehen. Im Laufe der Niederschrift des Buches wuchs ihm die Gestalt, die er nur zu dem Zweck erfunden hatte, ihre Moral zu verdammen, dann so sehr ans Herz, dass sie ihm, zunächst gegen den eigenen Willen, dann mit vollem Einverständnis, immer vielschichtiger und menschlicher geriet. Manchmal macht das Schreiben eben nicht nur die Figuren des Textes, sondern auch deren Autor human.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Georg M. Oswald, Tolstois 1963 in München geborener deutscher Kollege, untersucht, was gerade falsch läuft in Politik, Wirtschaft und Rechtsprechung, genauso gerne wie der barmherzige russische Moralist. Seit 1995 hat Oswald, der als Anwalt in seiner Heimatstadt arbeitet und für diese Zeitung jeden Samstag die Kolumne „Wie war dein Tag, Schatz?“ schreibt, sechs Bücher veröffentlicht. Sein neuer Roman, den er nun in der Frankfurter Romanfabrik vorstellte, ist im September bei Rowohlt erschienen. „Vom Geist der Gesetze“ kreist um die realen Vorbildern durchaus nachempfundene Gestalt Kurt Schellenbaums, der als Generalsekretär der bayerischen Regierungspartei in einer einflussreichen Sonntagabendtalkshow gerade einen Coup gelandet hat. Gegen seinen Ruf ist er einer plötzlichen Neigung gefolgt und hat ein starkes Wort für die sozial Schwachen eingelegt. Vom ersten richtigen Applaus seines Lebens überwältigt, übernimmt der mediokre Parteikarrierist am nächsten Morgen bei der Fahrt in die Staatskanzlei übermütig das Steuer von seinem Fahrer. Er baut einen Unfall, den er zu vertuschen versucht. „Ihr könnt mich nicht sehen“, hofft Schellenbaum hinter den getönten Scheiben des Dienstwagens, aber es kommt alles heraus. Die nachfolgenden Prozesse bestätigen, dass der Rechtsstaat funktioniert, hinterlassen aber trotzdem ein allseits unbefriedigendes Gefühl.

          Ihn interessiere der Zusammenhang von Staat und Recht mit den „vielen zweifelhaften Entscheidungen“ der Menschen, „die dann als die objektiv richtigen verkauft werden“, sagte Oswald, der beschreibt, wie Schellenbaums Fahrerflucht im weiteren Verlauf des Geschehens zu Speziwirtschaft und Bestechung führt. Den Titel seines Romans lässt er auf Montesquieus gleichnamige Schrift aus dem Jahr 1748 anspielen, die nicht nur die Idee der Gewaltenteilung vorstellte, sondern auch die These vertrat, der Geist der Gesetze einer Nation zeuge vom Geist, der sie zu einem gegebenen Zeitpunkt auszeichne. Keine sehr beruhigende Diagnose bei Schellenbaums politischer und menschlicher Erbärmlichkeit. Aber da ist ja noch der Tolstoi-Effekt, den Oswald zu spüren bekam: „Es hat sich beim Schreiben so ergeben, dass auch er ein Geschlagener ist.“ Gerne lässt der Leser daher Gnade vor Recht ergehen.

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