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Georg Büchner : Eine Familie wie ein ganzes Jahrhundert

Wird restauriert: Wilhelm Büchners Villa in Pfungstadt Bild: Rainer Wohlfahrt

Georg Büchner war eng verbunden mit seiner Familie. Jetzt ist ein Buch über seine Brüder und Schwestern erschienen. Es zeigt, dass es in Südhessen überraschend viele Orte gibt, an denen man sich an das Leben der Büchners erinnern kann.

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          Georg Büchner war so anders als der deutsche Kleinstaat, zu dessen Bürgern er zählte. Eher verbindet man mit ihm die von revolutionärem Denken geweitete Welt als Darmstadt und seine Umgebung. Und doch sind der „Woyzeck“ oder der „Hessische Landbote“ bis ins Detail geprägt von der Politik, der Landschaft und den Kriminalfällen des Großherzogtums Hessen.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ebenso eng verbunden, das zeigen die Briefe, die nach Büchners Flucht aus der Heimat im Jahr 1835 zwischen Darmstadt und Straßburg hin und her gingen, war der Dichter mit seinen Eltern und Geschwistern, deren Lebenswege von der Bedeutung des Bruders überschattet werden. Nun haben Heiner Boehncke, Peter Brunner und Hans Sarkowicz ein Buch veröffentlicht, das klarmacht, wie viel Interessantes es zu wissen gibt über Georgs Brüder Wilhelm, Ludwig und Alexander und seine Schwestern Luise und Mathilde. „Die Büchners oder der Wunsch, die Welt zu verändern“ zeigt aber auch, dass es in Südhessen überraschend viele Orte gibt, an denen man sich an das Leben Büchners und seiner Familie erinnern kann.

          Bester Startpunkt: Büchnerhaus in Riedstadt-Goddelau

          Den Erfolg ihres mit großer Zuneigung geliebten Bruders beförderten Georgs Geschwister, als sich außer ihnen noch kaum jemand für ihn interessierte. Sie versuchten, sein Werk bekannter zu machen, obwohl sie konventioneller dachten, handelten und schrieben als Georg, dessen Sprache und Ideenwelt jede Gewöhnlichkeit hinter sich gelassen hatten. Auf zeittypische Weise versuchten die Geschwister aber auch, mit ihren eigenen Talenten etwas für den Fortschritt der Menschheit zu tun.

          Hier versteckt sich die eigentliche Überraschung, die die Büchners für die interessierte Gegenwart bereithalten. Mit der Vielzahl ihrer Talente gestalten die Geschwister genau jenes Jahrhundert, dessen Träume und Albträume der früh gestorbene Georg vorausgeahnt und in bleibende Form gebracht hatte. Revolution und Unternehmertum, Frauenemanzipation und häusliche Beschränkung, Erfindungen und populärwissenschaftliche Bestseller – Georgs Geschwister haben alles zu bieten, was das 19. Jahrhundert groß gemacht hat.

          Den besten Startpunkt für eine Beschäftigung mit ihnen bietet das Büchnerhaus in Riedstadt-Goddelau, in dem Georg am 17. Oktober 1813 geboren wurde. In den neunziger Jahren hat man das im 17. Jahrhundert erbaute, nach dem Zweiten Weltkrieg heruntergekommene Fachwerkhaus von Grund auf renoviert und 1997 als Museum wiedereröffnet. Obwohl die damals eingerichtete Dauerausstellung nahezu ohne authentische Erinnerungsstücke auskommen muss, bringt sie neben Georgs Werk auch das Leben seiner Familie zur Geltung.

          Erhalten hat sich in Goddelau zwischen den Holzemporen der 1607 erbauten Evangelischen Pfarrkirche auch der Taufstein, über dessen Schale Georg in die christliche Kirche getauft wurde, ohne dass einer der Anwesenden hätte ahnen können, dass er die Welt im „Woyzeck“ später mit einem sinnlos umgestürzten Gefäß vergleichen sollte. In der Nähe der Kirche steht das Geburtshaus der Schwester Mathilde, die hier im Jahr 1815 zur Welt kam. Das kleine Fachwerkhaus in der Hospitalstraße 22, das sich in Privatbesitz befindet und nicht zu besichtigen ist, stellt heute einige der wenigen Spuren von Mathildes Dasein dar. Nicht einmal eine Fotografie der Schwester hat sich in der Familie bewahrt. Hier weist eine Unterschrift darauf hin, dass sie sich in Leihbüchereien mit Lesestoff versorgt haben muss, dort findet man ihre Spur bei einem Opernbesuch. Offenbar war sie die in den Haushalten der Geschwister verschlissene unverheiratete Verwandte, die für allseitigen Zusammenhalt sorgte. Mathilde war es auch, die über viele Jahre die Korrespondenz mit Georgs Verlobter Luise Wilhelmine Jaeglé führte, die nach dessen Tod mit den Büchners in Kontakt blieb.

          Deckengewölbe ist mit Wilhelms blauem Farbstoff ausgemalt

          Ist im Riedstadt-Goddelau benachbarten Ortsteil Philippshospital die Kirche zu besichtigen, in der Ernst und Caroline Luise Büchner, die Eltern der Geschwister, im Oktober 1812 heirateten, so liegt die Alte Apotheke am Marktplatz von Zwingenberg etwas weiter entfernt. Hier erhielt Georgs 1816 geborener Bruder Wilhelm seine Ausbildung. Von der Innenausstattung des Gebäudes, in dem sich heute ein Café befindet, hat sich nichts erhalten. Man weiß aber, dass Georg den Bruder hier im Sommer 1833 auf einer Wanderung besuchte.

          Was Wilhelm in Zwingenberg lernte, erlaubte ihm später, mit der vereinfachten Herstellung des Farbpigments Ultramarin in Pfungstadt zum Unternehmer, Landtagsdelegierten und Reichstagsabgeordneten zu werden. Eine Spur dessen, was in Wilhelms Fabrik hergestellt wurde, hat sich an einem Ort erhalten, den Pfungstadt sich erst in den vergangenen Jahren zurückgewonnen hat. Das Deckengewölbe der ehemaligen Synagoge in der Hillgasse ist mit Wilhelms blauem Farbstoff ausgemalt. Die Villa, die Wilhelm sich 1864 errichten ließ, wird zur Zeit noch restauriert. Vom nächsten Jahr an soll sie von der Stadt und der Wilhelm-Büchner-Fernhochschule genutzt werden, ein Zimmer ist für das Andenken der Büchner-Geschwister vorgesehen.

          Hier kann dann an die jüngeren Geschwister erinnert werden – an die 1821 geborene Frauenrechtlerin und Bildungsreformerin Luise, die 1855 mit ihrem Buch „Die Frauen und ihr Beruf“ bekannt wurde, an den 1824 geborenen Populärphilosophen Ludwig, der mit seinem naturwissenschaftlichen Bestseller „Kraft und Stoff“ im selben Jahr wie seine Schwester einen Welterfolg landete, an den 1827 zur Welt gekommenen Alexander, der an der Revolution von 1848 teilnahm, bevor er in der französischen Emigration zum Literaturprofessor wurde. Wie Luise schrieb Alexander Texte, in denen er sich mit Georgs Leben auseinandersetzt. Über die Geschwister blieben daher auch im Erinnerungszimmer von Wilhelms Pfungstädter Fabrikantenvilla Georg und der Umsturz präsent.

          „Die Büchners oder der Wunsch, die Welt zu verändern“

          Das Buch „Die Büchners oder der Wunsch, die Welt zu verändern“ von Hans Sarkowicz, Heiner Boehncke und Peter Brunner ist im Societäts-Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro. Das Büchnerhaus in Riedstadt-Goddelau, Weidstraße 9, ist donnerstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Die evangelische Pfarrkirche in Goddelau, Starkenburger Straße 34, ist am Sonntag, dem 14. September, zum Tag des offenen Denkmals von 11 bis 17.30 Uhr frei zugänglich. Auch die Büchner-Villa in der Pfungstädter Uhlandstraße und die ehemalige Synagoge in der dortigen Hillgasse stehen dem Publikum an diesem Tag offen (die Villa von 14 bis 17, die ehemalige Synagoge von 11 bis 16 Uhr). Frei zugänglich sind die Büchnersche Gartenmauer auf dem Grundstück in der Darmstädter Grafenstraße 39 und die Gräber Luises, Mathildes und der Eltern auf dem Darmstädter Alten Friedhof. Die Luise-Büchner-Bibliothek des Deutschen Frauenrings im Darmstädter Literaturhaus, Kasinostraße 3, ist montags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Der im Frankfurter Stroemfeld Verlag erschienene Katalog zur großen Darmstädter Büchner-Ausstellung im Jahr 1987 ist für 19 Euro noch erhältlich und im Internet unter www.stroemfeld.de bestellbar.

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