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Generalmusikdirektor Sebastian Weigle : Man lässt doch keinen Kollegen im Regen stehen

  • -Aktualisiert am

Haben gut lachen: Generalmusikdirektor Sebastian Weigle (links) und Konzertmeister Ingo de Haas Bild: Helmut Fricke

Mit „Die Frau ohne Schatten“ und „Lear“ setzte Sebastian Weigle in Frankfurt Maßstäbe. Nun muss er seine Kräfte nicht mehr mit Barcelona teilen. Dennoch machte er sich zum Saisonbeginn hier auffallend rar.

          Eigentlich ist das ja auch ein schönes Leben: immer wieder einmal abtauchen, im Süden Sonne tanken, selbst im Spätherbst noch bei milden Temperaturen auf der Piazza sitzen und im Freien speisen. Doch für Sebastian Weigle war der ständige Wechsel zwischen Frankfurt und Barcelona alles andere als purer Genuss einer geschickt arrangierten Dolce Vita: Als der Dirigent im September 2008 hier sein Amt als neuer Generalmusikdirektor (GMD) der Oper Frankfurt und Leiter des Museumsorchesters antrat, war er „nebenbei“ auch noch Chef in Spanien.

          Dieses und die damit verbundene „Pendeldiplomatie“ sind im Kulturbetrieb keine singulären Erscheinungen, doch Weigle, der im Januar und Februar dort vertragsgemäß noch Wagners „Tristan und Isolde“ zu dirigieren hat, mochte auf Dauer so nicht weitermachen: „Es ist nicht nur eine für die persönliche Gesundheit bedeutsame Entlastung“, sagte Weigle im Gespräch mit dieser Zeitung, „als GMD möchte ich vor Ort so viel wie möglich ansprechbar sein, Präsenz zeigen“. An Frankfurt hat er sich inzwischen nicht nur gewöhnt, sondern auch entdeckt, dass man hier wohnen und dennoch Lebensart genießen kann. Und so schwärmt Weigle von der gefundenen Wohnung in Sachsenhausen, von der „Lebendigkeit dieses Stadtteils“, von den wunderbar duftenden Croissants im Café gleich nebenan. In der Stadt gibt es für ihn naturgemäß – „Ich sitze ja doch die meiste Zeit im Büro“ – noch viel zu erkunden: Die Entdeckungstouren beginnen meist am nahe gelegenen Mainufer auf dem Sattel eines Fahrrads.

          Weigles Einstandsleistung war ein Kraftakt

          In der Oper jedoch hatte Weigle von Beginn an sehr genau gewusst, wo es langgeht. Eine exorbitante Leistung, die sicher auch für seine Berufung nach Frankfurt damals eine Rolle spielte, hatte er als Gast am Pult mit Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ erbracht. Das Werk steht im November unter Weigles Leitung wieder auf dem Programm der Oper Frankfurt. „Das war damals wirklich sehr harte Arbeit“, erinnert Weigle sich. Spielte man die äußerst üppig besetzte Partitur nach heutigen Intonationsgewohnheiten, also beispielsweise mit viel lauteren Bläsern als zur Entstehungszeit, so hätte kein Sänger wirklich eine Chance. Also habe seine ganze Kraft erst einmal der Aufgabe gegolten, Klangbalancen herzustellen.

          Ein ähnlicher Kraftakt ist Weigles Einstandsleistung als neuer Chef in Frankfurt gewesen: „Lear“ von Aribert Reimann, Weigles „erste zeitgenössische Oper“. Auch hier ging es zunächst einmal darum, Lautstärkeverhältnisse zugunsten der Sänger zu regulieren, ohne dem Orchester dabei Gefühle der Frustration zu vermitteln. „In solchen Zeiten ist es immer gut, wenn ein Chef anwesend und auch ansprechbar ist“, weiß Ingo de Haas, Konzertmeister des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters, aus Erfahrung: „Ein Wechsel an der Spitze ist immer eine spannende, aber auch etwas heikle Periode.“ Man kennt sich eben noch nicht so gut.

          „Er war auch ansprechbar, wenn er gerade nach Barcelona düste“

          Auch von Haus zu Haus kann es gravierende Unterschiede des Arbeitsalltags geben: Ingo de Haas war zuvor in gleicher Funktion beim Staatsorchester Darmstadt tätig und hatte dort wenig Gelegenheit erhalten, mit Gastdirigenten zu arbeiten. Gäste sind aber in Frankfurt nicht nur willkommen, sondern viele „fremde“ Dirigenten wünschen sich geradezu eine Zusammenarbeit mit dem Opern- und Museumsorchester – Folge einer kontinuierlichen Qualitätssteigerung dieses Klangkörpers, der jetzt bei der Kritikerumfrage im Jahrbuch der „Opernwelt“ sogar die Auszeichnung „Orchester des Jahres“ zusammen mit dem Bayerischen Staatsorchester München bekommen hat. Ingo de Haas sieht aber auch diesen Erfolg nicht zuletzt als Folge einer gewinnbringenden Kontinuität. „Sebastian Weigle war auch dann stets ansprechbar, wenn er gerade nach Barcelona düsen musste.“

          Nur vor kurzem war Weigle definitiv nicht da. Wer in dieser Stadt geglaubt hatte, der Chef würde, nun ganz auf Frankfurt gepolt, nach „Frau ohne Schatten“ und „Lear“ zum Saisonbeginn mit einem ähnlichen Paukenschlag aufwarten, sah sich getäuscht. Die erste Frankfurter Saisonpremiere: kein Weigle. Die zweite: Fehlanzeige. Die dritte („Anna Bolena“): keine Spur. Der „Ertappte“ muss darüber lachen: „Hinter dem Dirigenten steht ein Mensch, der braucht auch einmal dringend Urlaub.“ Im Hochsommer sei daraus ja wegen seines Bayreuther „Meistersinger“-Dirigats wieder einmal nichts geworden, gibt Weigle zu bedenken. Und so sei er danach erst einmal „an die Ostsee gefahren – das tat gut“. Wirklich? Ein wenig schmunzeln muss selbst Ingo de Haas, wenn Weigle im gleichen Atemzug erzählt, dass wenige Augenblicke nach seiner Ankunft dort schon das Telefon geläutet habe: ein Notfall an der Semperoper Dresden und ob Weigle nicht schnell Strauss-Dirigate für den erkrankten Fabio Luisi übernehmen könne. „Wer hilft nicht gern einem Kollegen?“

          In Frankfurt will Weigle nun aber doch umso präsenter sein. Mit seinem „gekrönten“ Opern- und Museumsorchester gestaltet er am 1./2. November in der Alten Oper ein Beethoven-Berg-Konzertprogramm. In der Oper dirigiert er seit dem 18. Oktober wieder „Die Frau ohne Schatten“. Unter Weigles Leitung hat am 22. November um 18 Uhr Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ Premiere.

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