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Geschlechtergerechte Sprache : Gender-Furor in der Stadtverwaltung

Inklusive Sprache: Wen meint das generische Maskulinum eigentlich mit? Bild: dpa

Die Welt bildet sich in der Sprache ab, das wussten schon Hegel und Butler. Und wenn Sprache auf Einseitigkeiten beruht, gilt es diese aufzubrechen. Was die Frankfurter Stadtverwaltung aber derzeit praktiziert, gleicht einem Gender-Furor.

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          Hegel ist schuld am Gender-Sternchen. Das sollte im Jubiläumsjahr nicht vergessen werden. Vor 250 Jahren wurde er geboren. Sein Einfluss kann gar nicht überschätzt werden. Auch auf Feldern, die zuerst nicht danach aussehen, als sei dort eine Hegel’sche Saat aufgegangen. Wenn ich persönlich werden darf: Ich sah das Leuchten in den Augen von Judith Butler, als wir, das war in den späten Siebzigern, in den Seminaren von Dieter Henrich und anderen Universitätslehrkräften in Heidelberg die „Phänomenologie des Geistes“ zu durchdringen suchten.

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          Die radikalste Vertreterin der These, das Geschlecht sei konstruiert, auch das, was gemeinhin noch immer als das biologische verstanden wird, erkannte in den Begrifflichkeiten des Philosophen die Mittel, mit deren Hilfe sie ihre Gender-Theorie formulieren konnte.

          Die Welt bildet sich in der Sprache

          Großen Eindruck machte auf sie das Kapitel „Herr und Knecht“, in dem es letztlich um die Anerkennung geht, die ein Mensch nur durch seinesgleichen erfährt, wodurch er überhaupt erst ein Selbstbewusstsein ausbilden kann. Aber gewiss faszinierte sie auch der dialektische Prozess als solcher, in dem eine vermeintliche Wahrheit nach der anderen aufgehoben und durch eine jeweils neue ersetzt wird. Dass sich in der Sprache die Welt bildet, ist zudem eine Erkenntnis, die sich auch schon aus der Philosophie des Mannes, der den Deutschen Idealismus auf die Spitze getrieben hat, gewinnen lässt.

          Wenn aber die Sprache Einseitigkeiten abbildet, gilt es dies zu ändern. Das ist die logische Konsequenz, die aus Butlers konstruktivistischer Theorie folgt. Das Patriarchat muss untergraben werden, indem das Weibliche in der Sprache gleichberechtigt zur Geltung und damit auf den Begriff gebracht wird. Alles andere wäre, um Hegels Ausdruck zu verwenden, „abstrakt“: nur ein Teil des Ganzen, der Wirklichkeit, der Wahrheit. Nach Hegel muss das Subjekt auch als Substanz gedacht werden. Das kann man so interpretieren: Was wir denken und sagen, das ist auch wirklich.

          Der derzeit wütende Gender-Furor, gerade wenn er die Bürokratie ergreift, etwa in Form der Frankfurter Stadtverwaltung, erklärt allerdings seinerseits wieder Abstraktionen zu Normen. Er verbiegt Grammatik und Semantik, gebiert stilistische Ungeheuer, trägt zur ohnehin schon großen Sprachverwirrung bei, wenn beispielsweise der Fußgänger zum “Zufußgehenden“ wird. 

          Mit dem „lebendigen Geist“ Hegels hat das nichts zu tun. Er entfaltet sich selbst, aus sich heraus. Und nicht durch Verwaltungshandeln oder eine politische Überkorrektheit, die sich vom alltäglichen Sprachgebrauch weit entfernt hat.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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