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Gallus-Theater : Bühne für immer

Kamen durch Zufall zum Theater und sind nun 30 Jahre lang dabeigeblieben: Winfried Becker und Heike Bonzelius im Foyer ihres Frankfurter Gallus-Theaters Bild: Wolfgang Eilmes

Vor 30 Jahren drohte dem Frankfurter Gallus-Theater das Ende. Heike Bonzelius und Winfried Becker wollten nur den Herbst über helfen - und blieben bis heute.

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          Im Nachhinein betrachtet ist es eine glückliche Fügung. Auch, dass Heike Bonzelius, die Diplompädagogin und Sonderschullehrerin, ein Opfer der Lehrerschwemme Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre war. Die verhinderte Lehrerin, die einst an der Bockenheimer Landstraße in jener legendären „Block“-Wohngemeinschaft mit der Hausnummer 111 lebte, bekam einen, wie sie sagt, „sterbenslangweiligen“ Job in der damaligen Dresdner Bank. Wer weiß, ob sie ohne ihn heute auf ein derart erfülltes Berufsleben blicken könnte.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Freitag kann Bonzelius mit der Amerikanerin Judy Oberfelder jene Künstlerin im Frankfurter Gallus-Theater zu einem Gastspiel begrüßen, mit der sie vor 30 Jahren ihr erstes selbst gestaltetes Theaterprogramm eröffnen konnte. 1986 hatten Bonzelius, Winfried Becker und ihre Mitstreiter Ilona Sauer, Kathy Fertsch-Röver, Eckhard Mittelstädt und Joachim Richard ihr Lieblingstheater kurzerhand übernommen, um es vor der Schließung zu retten. „Wir dachten, wir machen das so lange, bis jemand gefunden ist, der es übernimmt“, sagt Winfried Becker. Bis Weihnachten, hieß es damals, im Herbst 1986. Die Buchhaltung und organisatorische Aufgaben hatte Becker hier und da schon früher für die kleine Spielstätte übernommen. Seit 1990 sind er und Bonzelius die letzten beiden als Team von der einstigen Retter-Truppe übrig blieben. Sie bilden den Vorstand des Vereins Gallus-Theater, bei dem sie wiederum angestellt sind. Becker als Leiter des Theaters, Bonzelius als Programmplanerin und Kommunikatorin. Erst in der Krifteler Straße, seit 1998 in den einstigen Adlerwerken, wo Platz für ein Theater mit Foyer und Probebühne geschaffen wurde.

          Dank eines Einzugs kam es zur Wende

          Das hat angefangen, als das Team, das sich seit 1972 kennt und, wie Bonzelius sagt, bisweilen auch „Zoff“ miteinander hat, donnerstagabends immer in die Krifteler Straße 55 im Gallusviertel ging, wo es die berühmte „Gallus-Disco“ gab. „Dort traf man sich, jeder kannte jeden“, erinnert sich Bonzelius an die im Untergeschoss einer ehemaligen Autoglaserei. Auch ihr alter Studienfreund Winfried Becker ging dort ein und aus, der einstige Physik- und Mathestudent war längst Mitarbeiter an der Uni und baute parallel dazu ein Ein-Mann-Unternehmen als Software-Pionier auf. Der Weg in die Disco führte an den Aktivitäten vorbei, die sich im damaligen Gallus-Zentrum entfalteten. Damit hatten aber weder Bonzelius noch Becker etwas am Hut.

          Heute ist das 1973 gegründete „Internationale Solidaritätszentrum“ ein Zentrum für Jugendkultur und Medien. Damals wollte das Gallus-Zentrum vor allem Migranten die Möglichkeit bieten, gemeinsam Freizeit zu verbringen, an Projekten und Workshops teilzunehmen. Von ein paar jugendlichen Gastarbeiterkindern um Tischtennisplatten herum wurde es zum Hort von Theatergruppen, Laien zunächst. Mit dem Briten Brian Michaels begann 1980 das legendäre „Teatro siciliano“, später „I Macap“ genannt. Mit der Rückbesinnung auf traditionelle Theaterformen, auf Commedia dell’arte und Volkskunst ihrer elterlichen Herkunftsländer schufen die Kinder der Gastarbeiter eine Theaterform, die Furore machte. Auch das hatten Bonzelius und Becker, die Discogänger, zunächst nur am Rande mitbekommen. „Theater, das war für mich ein richtiges Trauma aus meiner Gymnasiumszeit“, sagt Becker. „Wir haben nur Ionesco und Brecht anschauen dürfen, ich fand das fürchterlich.“

          Die Wende kam, als Anfang der achtziger Jahre in Beckers Wohngemeinschaft der damalige Techniker des Gallus-Theaters einzog. Längst hatte es sich, seit 1983, in seinem Angebot erweitert und diente als Gastspielbühne auch professioneller freier Gruppen, viele davon kamen aus dem Ausland. Die Miete der Bühne wurde durch die Einnahmen aus der Disco gedeckt, die Gage mit dem Eintritt verrechnet - an Letzterem und also auch an dem hohen Risiko, das die Künstler eingehen, hat sich bis heute kaum etwas geändert. Nur übernachtet niemand mehr wie damals in den WGs der ehrenamtlichen Theatermitarbeiter, die den Künstlern nie Hotels und Restaurants bezahlen konnten. So saßen neben Becker am Küchentisch drei Jungs aus England, die Shakespeare spielten. Er ging, aus Freundlichkeit, hin: „Das war so anders, sinnlich, ein Fest! Ich wusste gar nicht, dass Theater so sein konnte. Von dem Tag an war ich ein Fan.“

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