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Skulpturen und Malerei : Ganz allein vor der Kunst sein

Frei im Raum liegend: Matthias Lutzeyers plastische Arbeiten Bild: Galerie Kautsch

Die Ausstellung „Die Abwesenheit der Farbe“ ist nicht ansatzweise so trist, wie sie sich anhört. Veronica Kautsch stellt in ihrer Galerie Bilder von Norvin Leineweber und Skulpturen von Matthias Lutzeyer aus.

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          Der französische Maler und Grafiker Pierre Soulages hat einmal gesagt, „ich glaube, ich male, damit der Betrachter – ganz gleich, ob es sich dabei um mich selbst oder jemand anderen handelt – vor dieser Malerei allein sein kann.“ Dabei hat er selbstredend nicht an Quarantäne, nicht an globale Katastrophen, an Isolation und an geschlossene Museen, sondern an die Kunst gedacht. An Kontemplation und meditativ zu nennende Versenkung, an einen Raum aus nichts als Farbe und die Bild gewordene Realität der Malerei.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Veronica Kautsch, darf man vermuten, ist da ganz an Soulages’ Seite. Nicht nur, weil sie das „Outrenoir“ dieses großen Malers aufrichtig bewundert. Vielmehr vertritt sie mit ihrer Michelstädter Galerie seit 25 Jahren vornehmlich farbmalerische und konkrete Positionen, die das Alleinsein mit dem Kunstbetrachter, wo nicht ohnehin erfordern, so doch gut vertragen. Insofern ist es eine hübsch bittere Pointe, dass man in Zeiten von Corona mit aller Kunst allein sein kann. Und vor den Arbeiten von Norvin Leineweber und Matthias Lutzeyer, die Kautsch schon seit Jahren vertritt, darf man sich für diesen Augenblick beinahe glücklich schätzen.

          Eine ganze Welt erhalten

          Dabei präsentiert sich „Die Abwesenheit der Farbe“ mit Leinewebers elfenbeinfarbenen Bildern und Lutzeyers kohlerabenschwarzen Skulpturen auf den ersten Blick beinahe ähnlich streng, wie es der spröde Titel nahe legt. Und doch enthalten beider Werke eine ganze Welt. Eine Welt freilich, die der je anderen zunächst einmal vor allem fremd erscheint, mit Leinewebers Wandarbeiten hier, die zwar auf das klassische Tafelbild verweisen, doch mit Malerei wenig verbindet, während Lutzeyers frei im Raum zu liegen kommende plastische Arbeiten dort bei genauerer Betrachtung in die Welt der Malerei gehören.

          Sind doch die Arbeiten des 1959 in Stuttgart geborenen Künstlers ganz aus der Farbe und dem Material gedacht: aus Eisenoxydschwarz und Leinöl, einem Pigment und einem Bindemittel. Sonst nichts. Von beidem freilich ungeheure Mengen, die der Künstler mit den Händen formt oder verrührt, rollt und schichtet und zu zerklüfteten Farblandschaften türmt und knetet. Derweil verhält es sich mit der Kunst Leinewebers nachgerade umgekehrt. In jeder Hinsicht. Nicht nur ist cremeweiß statt teerschwarz Leinewebers Kolorit der Wahl. Als bildhafte, reliefhaft an der Wand zu hängende Arbeiten sind sie weniger der monochromen Malerei als dem Nachdenken über die Skulptur zugehörig.

          Stets ist es Marmorstaub – in früheren Arbeiten auch Lehmputz – der dem einstigen Meisterschüler von Günther Uecker sein Material vorstellt, fein wie Farbe in hier bescheidenen, dort wandfüllenden Formaten auf Holz aufgebracht. Und es genügt eine Linie, eine zarte Wölbung, eine erhabene Binnenstruktur fast wie bei einem Prägedruck, um aus planer Fläche dem Betrachter einen tief und tiefer anmutenden Raum zu öffnen. Teerschwarz, cremeweiß, hier Malerei und dort Skulptur gewordene Reflexion der eigenen Mittel in Raum und Bild und Fläche: Das ist das Spannungsfeld, das sich in dieser Ausstellung entfaltet. Selten war es schöner, vor der Kunst allein zu sein.

          Die Ausstellung in der Michelstädter Galerie Kautsch, Mauerstraße 11, ist bis 25. April nach telefonischer Vereinbarung unter 0151-11619359 zu sehen.

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