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Fritz Rémond Theater : Traumpaar des Boulevard

Drei wären hier einer zuviel: Herbert Herrmann und Nora von Collande spielen im Fritz Rémond Theater von Donnerstag an in einem Zwei-Personen-Stück. Bild: Frank Röth

Schon im vergangenen Jahr standen Herbert Herrmann und Nora von Collande mit „Alles was Sie wollen“ in Berlin auf der Bühne. Nun werden sie im Fritz Rémond Theater in Franfurt vor nur 100 Zuschauern spielen – mehr lässt der Hygieneplan des Hauses nicht zu.

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          Corona hat all ihre Pläne durcheinandergewirbelt. Ein Gastspiel in Hamburg am Winterhuder Fährhaus mussten sie auf das nächste Jahr verschieben. Aber nach Frankfurt kommen sie trotzdem. Schon im Juni vorigen Jahres standen Herbert Herrmann und Nora von Collande mit der Premiere der Komödie „Alles was Sie wollen“ in Berlin auf der Bühne. Nicht in der „Komödie am Kurfürstendamm“, wo sie eigentlich bei Martin Wölffer zu Hause sind, sondern vor 1200 Zuschauern im einstigen Schiller Theater, wo die Berliner „Komödie“ gastiert, solange ihre traditionelle Spielstätte am Ku’damm umgebaut wird. Am Donnerstagabend werden die beiden im Fritz Rémond Theater vor nur 100 Zuschauern spielen, mehr lässt der Hygieneplan des Hauses nicht zu. Herrmann hat die Komödie inszeniert, von Collande die Kostüme entworfen. Ihr Glück, dass es sich um ein Zwei-Personen-Stück handelt: Sie brauchen keinen Abstand auf der Bühne zu wahren, denn sie kommen aus demselben Haushalt.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und der ist nomadischer Art. Voriges Jahr ist das Paar nach 20 Jahren in Hamburg nach Freiburg gezogen, um seinem Haus in Grindelwald/Kanton Bern und ihrem Appartement in Saint-Tropez näher zu sein – und Paris, wo sie dreimal im Jahr die Theater besuchen und neue Stücke einsammeln, die sie dann ihrem Prinzipal Wölffer präsentieren, damit er sich um die Rechte kümmert. Alle zwei Jahre entsteht so eine Inszenierung gleichsam aus familiärer Hand. Auch in diesem Frühjahr waren sie vier Abende in Paris und haben zwei Stücke entdeckt. „Dann kam der Lockdown“, erinnert sich von Collande. Auch „Alles was Sie wollen“ haben sie aus Paris mitgebracht: ein Text über die Lösung einer Schreibblockade. Lucie kann nur im Krisenmodus schreiben. Nachbar Thomas merkt, dass es ihr zu gutgeht, und verhilft ihr in die nächste kreative Krise.

          Herrmann, seit je der gutgelaunte Sonnyboy auf dem deutschen Boulevard, düst mit seinen 79 Jahren noch immer auf der Vespa zum Einkaufen an der Cote d’Azur. „Früher bin ich so von Bern nach Sizilien gereist, aber da gab es noch nicht so viele Autos“, erinnert er sich. In Bern ist er geboren und hat sich zum Schriftsetzer und Grafiker ausbilden lassen, bevor er in Zürich privaten Schauspielunterricht nahm. „Das meiste habe ich erst auf der Bühne gelernt“, sagt er. Und: „Entweder man hat diese Ausstrahlung oder nicht. Das kann man nicht lernen.“

          Neben seinen Auftritten an den Berliner Ku’damm-Theatern wurde Herrmann im Fernsehen gern als Luftikus eingesetzt. Unvergessen ist die Serie „Drei sind einer zuviel“ (1977). Für ihn aber waren die Highlights der Fernsehfilm „Fleisch“ (1979) und die Serie „Ich heirate eine Familie“ (1983–1986) mit Peter Weck. Vater eines Sohnes ist er 1988 auch geworden: dank seiner Kollegin und langjährigen Partnerin Susanne Uhlen.

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          Nora von Collande hat ihre Highlights vor allem auf der Bühne erlebt, vor die Fernsehkamera ging sie nur um der Popularität willen. Sie gehört zur vierten Generation einer Theaterdynastie. Geboren 1958 in Berlin, musste sie schon als Kleinkind in die Filmstadt München umziehen, wo ihr Vater, Volker von Collande, drehte und am Gärtnerplatztheater spielte. Als sie sechs Jahre alt war, ging er als Intendant nach Regensburg, 1969 nach Freiburg. „Dort habe ich meine ersten Schritte als Tänzerin gemacht“, erinnert sich seine Tochter. „Mit zwölf Jahren stand ich zum ersten Mal auf der Bühne: in Molières „Eingebildetem Kranken“. Mit 16 ging sie nach Berlin zurück, ließ sich bei Else Bongers zur Schauspielerin ausbilden und lernte bei Tatjana Gsovsky an der Tanzakademie. Sie fühlt sich als Norddeutsche, zumal ihre Mutter, Schauspielerin und Sprechtherapeutin Irene Nathusius, Hamburgerin war.

          Von ihm hat sie die goldenen Regeln der Komödie gelernt

          Auch sie hat das Wichtigste von den erfahrenen Kollegen auf der Bühne gelernt.Vor allem von Wolfgang Reichmann als Lessings Nathan, mit ihr als christlichem Findelkind Recha. Sie hat aber auch Shakespeares Julia und Kleists Käthchen gespielt – und dann 1994 bis 2003 in der Fernsehserie „Forsthaus Falkenau“. „Ich komme trotzdem aus der Klassik-Ecke. Ich gehe zuerst immer rein in die Situation und will gar nicht komisch sein“, erläutert sie ihre Spieltechnik. „Das hat Wolfgang Spier gefallen und Herbert auch.“ Von ihm habe sie die goldenen Regeln der Komödie gelernt. Kennengelernt haben sich die beiden an der Bühnenpforte der Ku’damm-Bühnen, als er in der Berliner „Komödie“ auftrat und sie im benachbarten „Theater am Kurfürstendamm“. Seit 2003 lebt und arbeitet der Schauspieler mit Nora von Collande zusammen.

          Jetzt aber wird er unruhig: Die Bühnentechniker warten auf ihn. „Wir bringen zwei eigene Techniker mit, und die übergeben an die Techniker dieses Hauses“, erläutert von Collande nach seinem Abgang. Die Inszenierung sei technisch anspruchsvoll, viele Lichtwechsel. Seit vier Wochen haben die beiden jeden Tag auf dem Sofa geübt, um in den Rollen zu bleiben – ohne Aktion. „Die Choreographie ist im Körper drin und kommt von selbst auf der Bühne wieder“, so von Collande, deren Namen sich übrigens nicht französisch ausspricht, weil sie Spross eines schlesischen Adelsgeschlechts ist.

          Die Hundefreundin hat vor Jahren ein Katzenbuch mit eigenen Tuschzeichnungen verfasst: „Turbulenzo“ (Ullstein) – so hieß der Kater, der sich im Tessin bei ihr einquartiert hatte. Das Häuschen dort hat sie voriges Jahr verkauft, Herrmann sein Feriendomizil auf Mallorca ebenso. Was für ein Jahr, dieses 2019, „als wir noch vor ausverkauften Häusern spielten“, seufzt sie: Häuser verkauft, Umzug und Premiere von „Alles was Sie wollen“. Dann kam Corona, und sie atmeten erleichtert durch: „Wir dürfen nicht mehr arbeiten!“ Nun aber wollen sie doch. „Auch Theater ist etwas Sinnvolles“, sagt von Collande, man müsse nicht gleich zu „Ärzte ohne Grenzen“ gehen, die sie doch so sehr bewundert und unterstützt.

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