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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels : Triest als Spiegel Europas

Der Vorsteher des Boersenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder (rechts) mit dem italienischen Schriftsteller Claudio Magris, Träger des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Bild: DDP

Die alljährliche Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehört zur politischen Kultur des Landes. Der Friedenspreisträger 2009 ist Claudio Magris. Er erweist sich als Autor in der Tradition des aufklärerischen Denkens.

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          Ein strahlender Morgen, eine erlauchte Festversammlung, ein strenger Ablauf, der, ganz aufs Wort beschränkt, keine Abweichungen duldet. Immerhin wirkt der Blumenschmuck in diesem Jahr ungezähmter als in der Vergangenheit. Blumen und Zweige haben einen gewissen Spielraum, um sich zu entfalten, und gemahnen ein wenig an fernöstliche Pflanzenkombinationen. Sonst aber atmet das säkulare Erbauungsritual zum Ende der Frankfurter Buchmesse wie eh und je das verhaltene Pathos der alten Bundesrepublik. Ernst und getragen geht es zu in der Paulskirche. Und wenn einmal während einer der Reden gelacht wird, dann auf höchstem intellektuellen Niveau.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die alljährliche Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehört zur politischen Kultur des Landes. Der Friedenspreisträger 2009 ist Claudio Magris. Der wissenschaftliche, essayistische, belletristische Schriftsteller erhält die Auszeichnung, weil er sich „wie kaum ein anderer mit dem Problem des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt hat“. So heißt es in der Urkunde zu dem mit 25.000 Euro dotierten Preis. Die Reihen sind dicht gefüllt. Die Ehrengäste schreiten zur ersten Reihe. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker gibt sich die Ehre. Der geschichtsträchtige Raum ist vom Licht der Sonne durchflutet, zusätzlich gleißen Fernsehscheinwerfer über den Köpfen der Gäste. Die jüngst gekürte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist darunter. Und Inge Feltrinelli, die Witwe des legendären italienischen Verlegers.

          Frieden ist möglich

          Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins, tritt ans Pult. Und spricht von Triest als einem der wenigen Orte „in Europa, ja der Welt, an denen sich die Kulturen hautnah begegnet sind und noch begegnen“. Triest ist der Ort von Magris. Der Sage nach trifft man ihn dort mit ziemlicher Sicherheit an seinem Stammplatz im Café San Marco, wo auch seine Bücher zum Großteil entstanden sein sollen. Das Werk des italienischen Germanisten, der in Turin und Freiburg im Breisgau studiert hat, zeige, sagt Honnefelder, dass ein Frieden möglich sei, „der nicht dem Kampf und der Ausrottung, sondern der Begegnung der Sprachen und Kulturen entspringt“.

          Der 1939 geborene Autor war von 1978 bis zu seiner Emeritierung 2006 Professor für Moderne deutschsprachige Literatur an der Universität Triest. In seinen Schriften geht es vornehmlich um Mitteleuropa und eine europäische Identität trotz oder gerade wegen der Vielfalt der Kulturen auf diesem Kontinent. Das Thema seiner Dissertation, die er mit 24 Jahren vorgelegt hat, grundiert auch seine nachfolgenden Bücher: Er ging schon als junger Mann dem habsburgischen Mythos vom Vielvölkerstaat nach, der, so wird es Karl Schlögel in seiner Laudatio sagen, in der Literatur viel eher Realität gewonnen hat als in der Politik. Zuvor aber bricht Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth eine Lanze für das geistige Eigentum, über das auf dieser Buchmesse im Zusammenhang mit der elektronischen Verfügbarkeit von Büchern viel gesprochen wurde: „Nur wenn wir das Recht auf geistiges Eigentum verteidigen“, sagte das Stadtoberhaupt, „wird es auch noch das gedruckte Buch geben.“ Zwischenapplaus.

          Aufklärerisches Denken

          Der Historiker Schlögel führt aus, Magris sei nicht aus Lokalpatriotismus seiner Heimatstadt Triest ein Leben lang treu geblieben, „sondern weil die Stadt so etwas wie der Spiegel Europas, ja des Zustandes der Welt war“. In mancherlei Hinsicht erinnere die Geschichte Triests nach dem Zweiten Weltkrieg an die Berlins. Die einst viertgrößte Stadt des Habsburgerreichs sei jahrzehntelang an der Peripherie gelegen. Das habe sich 1989 geändert. Mit der Aufnahme Sloweniens in die Europäische Union 2004 sei die adriatische Hafenstadt mit ihrem Karst-Hinterland endgültig wieder ins Zentrum eines wiedervereinigten Europa gerückt.

          In seiner Dankesrede erweist sich Magris als Autor, der mit seinem aufklärerischen Denken in der großen Tradition der abendländischen Intellektuellen steht. Er spricht von der Hoffnung auf Frieden und Menschlichkeit, die selbst in den finstersten historischen Zeiten aufflackere. Und bezeichnet die „biedere Überzeugung“, der Krieg sei, zumindest in unseren Breiten, besiegt, als „Gefährdung des realen Friedens“: „Wir wollen uns betrügen, in furchtbarer Gutgläubigkeit.“ Es gebe überall Krieg, nur wolle ihn niemand beim Namen nennen. Auch an den Grenzen Europas: „Nicht nur an den italienischen Küsten landen Flüchtlinge, die man für räuberische Piraten hält.“ Heftiger Beifall am Ende. Still leert sich der Saal. Sonntagsruhe liegt über Frankfurt.

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