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In Corona-Zeiten : Die Päckchen-Pandemie

Während des Lockdowns wurde noch mehr online bestellt als zuvor. (Symbolbild) Bild: dpa

Wann haben Sie das letzte Mal etwas bestellt? War das Klingeln des Paketboten früher ein seltener Anlass, trifft man ihn derzeit regelmäßig an. Bei aller Freude über den Inhalt der Sendung, bleibt die Verpackung ein leidiges Thema.

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          Wenn sich ein erfreuliches Ereignis ständig wiederholt, leidet die Freude zusehends. Das Außergewöhnliche wird Alltag, das Besondere die Regel, das Überraschende geht flöten. Was war das für ein Fest, wenn das Westpäckchen ankam – das dachten sich wenigstens die lieben Verwandten in der alten Bundesrepublik, die den Wunsch nach noch mehr Zitronat für den Dresdner Stollen als Scherz abgetan hatten. Und dass das Ostpaket im Gegenzug durchtränkt war von der fettigen Kuchenspezialität, trübte das Glück in Gelsenkirchen auch ein wenig.

          Aber wenige Tage später kam ja noch etwas vom Otto-Versand, eine Kleinigkeit für die Anrichte, eine barbusige Porzellan-Gauklerin vielleicht, deren Nacktheit Kunst war und daher voll und ganz legitim. Es war allerdings selten genug, dass ein, so hieß das damals, Postbeamter klingelte und etwas anderes brachte als leidige Amtsschreiben. So ein Päckchen, das war schon ein Anlass, um aufgeregt zu sein. Entweder, weil man ganz genau wusste, was darin war. Oder aber, weil man keine Ahnung hatte. Jemand hatte an einen gedacht. Wie schön.

          Noch nie waren die Boten so gehetzt

          Das hat sich geändert. Schon vor Corona bestellten alle alles, gaben das meiste davon wieder zurück, um abermals neue Ware ins Haus geliefert zu bekommen, Päckchen und Pakete ohne Ende, eine regelrechte Flut, das Verpackungsmaterial verstopfte Ecken und Nischen und die Papierabfalltonne. Mittlerweile aber hat die Päckchen-Pandemie ungeahnte Ausmaße angenommen, notgedrungen weicht der Kunde in den Versandhandel aus, und wer vor einem Jahr noch der Übermacht einer gewissen Firma trotzte, indem er etwa mutig auf die Zeil schritt, um sich dort zu besorgen, was andere sich schicken ließen, hat längst kapituliert. Ersatzmesserchen für den Häcksler, ein Adapterkabel fürs Handy – wer wollte warten, bis es Lockerungen gibt, oder anderswo im Netz nach dringend benötigten Dingen suchen, wo es einem doch der Fast-Monopolist so einfach macht.

          Und so gehetzt wie derzeit waren die Boten noch nie. Wir ertappen uns sogar dabei, Verständnis zu haben, wenn sie „Zustellversuche“ allzu schnell aufgeben. Die Lage der Paketlieferanten am Ende der Zustellungskette ist schließlich hinlänglich bekannt. Dabei könnte es doch wieder spannend werden. Und ein bisschen vom Gefühl von damals zurückkehren. Mit dem Brexit nämlich dürften zumindest Bestellungen aus Großbritannien abermals zu einem Ereignis werden. Manches ist jetzt schon am Zoll hängengeblieben. Die Lieferkette vom Modehändler zum Endverbraucher hakt. Welche Freude wird sich einstellen, wenn wir wieder ein Päckchen aus England in Händen halten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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