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Freiluftkino in Frankfurt : Cineastische Erlebnisse auf einer Betonbrache

Filmreif: Johanna Süß (rechts) und Gregor Maria Schubert wollen im Innenhof des alten Polizeipräsidiums Frankfurt Kinofilme zeigen. Bild: Lando Hass

Das „Freiluftkino“ in Frankfurt geht in seine siebte Saison – trotz Pandemie. Diesmal ist der Innenhof des alten Polizeipräsidiums Spielort des cineastischen Festivals.

          3 Min.

          In einer tiefen Pfütze sammelt sich das Wasser, ein Weidenstrauch kämpft sich durch den Beton, am Rand des Innenhofs steht eine schiefe Straßenlaterne, die schon lange nicht mehr leuchtet. Das alte Frankfurter Polizeipräsidium, aus dem die Beamten bereits 2002 ausgezogen sind und in dem danach nicht mehr viel passierte, ist ein unwirtlicher Ort. Doch jetzt soll er mit Leben gefüllt werden. Das „Freiluftkino Frankfurt“ wird die Brache zwischen Hauptbahnhof und Messe nutzen, vom heutigen Donnerstag bis zum 30. August läuft das Programm. Erst seit gut einer Woche steht überhaupt fest, dass es auch in diesem Sommer eine Ausgabe des Open-Air-Kinofestivals geben wird, dass aus dem verwaisten Innenhof ein Kino unter freiem Himmel werden kann.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „So spät waren wir noch nie dran“, sagt Gregor Maria Schubert. Gemeinsam mit Johanna Süß organisiert er das Programm. Auch für das Frankfurter Filmfestival „Lichter“ sind die beiden verantwortlich. Dass sie improvisieren können, haben Süß und Schubert schon Ende April bewiesen. Als damals jedes Kulturleben brach lag, haben sie ihr Filmfestival nicht abgesagt, sondern unter dem Motto „Lichter-On-Demand“ kurzfristig auf eine Streaming-Plattform verlegt. Nun wollen sie zeigen, dass auch ein Open-Air-Kino trotz Pandemie zu organisieren ist. „Es gibt in diesem Sommer so wenige Kulturangebote in der Stadt, so gut wie alle Festivals fallen aus, gerade deshalb ist es uns so wichtig, trotzdem etwas zu machen“, sagt Johanna Süß.

          Das ist auch ein Risiko: Denn wegen der geltenden Hygiene-Regeln dürfen pro Filmabend nur 250 Karten verkauft werden. Sonst sind bei populären Filmen schon einmal 800 Gäste gekommen. „250 Besucher ist das Minimum, damit sich das Ganze überhaupt rechnet“, sagt Gregor Maria Schubert. Zum Abstandhalten bietet das Areal genug Platz. Mit Kreide werden die notwendigen Hygenieabstände auf dem Betonboden markiert. Am Eingang, an der Bar und am Essensstand, wo Crêpes und bretonische Gallettes verkauft werden, müssen Masken getragen werden.

          Kein Mainstream-Kino

          Das Programm für die siebte Ausgabe des „Freiluftkinos“ haben Schubert und Süß so zusammengestellt, wie sie es in den Vorjahren auch getan haben: Gezeigt werden Filme, die den beiden in der vergangenen Kinosaison aufgefallen sind, von denen sie denken, dass sie so außergewöhnlich und bemerkenswert sind, dass es sich lohnt, sie noch einmal zu schauen. Klassisches Mainstream-Kino gibt es bei ihnen nicht, das Gros des Programms sind erfolgreiche Independent-Produktionen, etwa das Roadmovie „Queen & Slim“ über ein afroamerikanisches Paar auf der Flucht vor der Polizei, das Spielfilmdebüt der griechisch-amerikanischen Regisseurin Melina Matsoukas, die durch Musikvideos für R’n’B-Sängerinnen wie Beyoncé und Rihanna bekannt wurde. Mit Matsoukas’ rasanter Mischung aus Thriller und Romanze beginnt das Festivalprogramm, der Abend ist allerdings bereits ausverkauft.

          Karten gibt es dafür noch für Filme wie den bei der vergangenen „Oscar“-Verleihung so erfolgreichen Film „Parasite“ des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho, der gleich an zwei Abenden läuft, für das Musikerporträt „Lindenberg! Mach dein Ding“, Greta Gerwigs „Little Women“, eine bezaubernde Adaption von Louisa May Alcotts Jugendbuchklassiker, oder für „Systemsprenger“, den Überraschungserfolg der jungen Regisseurin Nora Fingscheidt über ein anpassungsunfähiges, neunjähriges Mädchen. „Ganz ausgefallene Filme haben wir in diesem Jahr aber nicht“, sagt Gregor Maria Schubert. „Einen Durchhänger können wir uns nicht leisten, dafür ist das Ganze zu eng kalkuliert.“

          Viel wurde in den vergangenen Monaten, in denen die Kinos den Betrieb einstellen mussten, darüber debattiert, ob man sie überhaupt noch braucht, ob sie noch eine Überlebenschance haben. Wird das Streaming dem Kinobesuch den Garaus machen, droht ein Kinosterben? Die „Freiluftkino“-Organisatoren wollen den in der Branche grassierenden Pessimismus nicht teilen. „Ins Kino gehen bleibt ein Erlebnis, vor allem so etwas wie Open-Air-Kino“, sagt Johanna Süß. Gregor Maria Schubert zieht einen Vergleich: „Wenn du einen Film am Bildschirm oder auf dem Fernseher schaust, dann ist das, als ob du ein Hähnchen aus Massentierhaltung zu essen bekommst. Gehst du ins Kino, dann ist das wie ein Bio-Hahn, den du selbst grillst.“ Also: Nichts wie hin ins alte Polizeipräsidium. Es ist angerichtet.

          Freiluftkino Frankfurt
          Das Programm läuft vom 13. bis 30. August im alten Polizeipräsidium in Frankfurt, der Eingang liegt in der Ludwigstraße 18. Von 20 Uhr an kommt man auf das Areal, die Filme beginnen bei Dunkelheit. Bestellen kann man die Karten über www.freiluftkinofrankfurt.de, ein kleines Kontingent wird auch an der Abendkasse verkauft.

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