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Frankfurter Volksbühne : Klopapierrollen statt Urnen

Letzte Dinge: Lucie Mackert, Sebastian Klein und Barbara Englert in Michael Quasts Beckett- Inszenierung „Spiel“ Bild: Wolfgang Runkel

Die Frankfurter Volksbühne zeigt Samuel Becketts Einakter „Spiel“. Und damit ein absurdes Corona-Theater, das sich einem modernen Klassiker widmet, den viele immer noch als ziemlich anstrengend empfinden.

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          Es ist nicht gerade das, was das Publikum hier erwartet. Auch wenn das absurde Theater mittlerweile schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem avantgardistischen Buckel hat, im Volkstheater wird Beckett doch eher selten gespielt. Eigentlich gar nicht. Natürlich sind etwa auch viele Stücke von Wolfgang Deichsel absurd. Aber anders. So war es dann doch eine Überraschung, dass das von Michael Quast geleitete Haus am Großen Hirschgraben mit dem Einakter „Spiel“ des irischen Dramatikers die neue Spielzeit begann. Man kommt schon gar nicht mehr nach, wie oft die einst Fliegende, jetzt immerhin sesshafte Volksbühne Premieren ankündigte, um sie alsbald abzublasen, wegen Verzögerungen beim Neubau oder Corona. Nun hat der Prinzipal höchstselbst die Regie bei einem modernen Klassiker übernommen, den viele allerdings immer noch als ziemlich anstrengend empfinden. So komisch jedenfalls, wie nach der Ankündigung zu vermuten stand, ist dieser Abend nicht.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Dafür sehr kurz. Aber rätselhaft. Gewiss gibt es etliche Interpretationsansätze, letztlich aber bleibt der Zuschauer doch leicht irritiert zurück und fragt sich schon während der Vorstellung, was er da eigentlich erlebt. Der Himmel ist es jedenfalls nicht. Eher die Hölle. Wenn man sie sich als ständige Wiederholung der auf Erden erlebten Katastrophen vorstellt. Dass es ein Totenreich sein könnte, legen schon die Regieanweisungen des Autors nahe. Drei Urnen sollen nebeneinander auf der Bühne stehen, aus denen die Köpfe der drei Protagonisten ragen, und diese dürfen sich nicht bewegen, sondern müssen starr auf die Zuschauer gerichtet sein. Wann immer eine der Personen spricht, leuchtet sie ein Scheinwerfer an und nur sie. Wie ein mächtiger Moderator aus dem Off, der die Einsätze gibt. Bei Quast sind aus den Aschebehältern Klorollen geworden, Symbole einer irren Gegenwart, in denen die präzise agierenden Schauspieler Barbara Englert, Lucie Mackert und Sebastian Klein stecken. Nicht maskiert, aber stark geschminkt, ein bisschen wie Clowns.

          Die Vereinzelung am Leib nachvollziehen

          Der Abstand der Darsteller ist schon bei Beckett festgeschrieben, zu Pandemiezeiten lässt sich kein Stück mit mehr als einem Mimen denken, das besser den Covid-19-Vorschriften entspricht. Wie auf der Bühne halten auch die Menschen im Zuschauerraum die behördlich geforderte Distanz ein. So kann jede und jeder die Vereinzelung am eigenen Leib nachvollziehen. Oder, falls er oder sie mit Partner oder Partnerin gekommen ist, die Entfremdung, die sich nach ein paar Jahren in Beziehungen einschleicht.

          Die namenlosen Figuren auf der Bühne, wenn sie nicht kurz unverständlich durcheinanderreden, berichten zunächst einmal von einer Dreiecksgeschichte, Mann, Frau, Geliebte. Suizidandrohung, das Herunterputzen der Rivalin, die gefährliche Begegnung beider Frauen, vergebliche Trennungsversuche, der Traum von einer Ménage-à-trois, Lügen, Geständnisse und wie es dem Herrn zu viel wird: Alles ist darin enthalten. Und wenn die Gattin mehrfach sagt „Ich rieche es ihm an“ und damit die Wahrheit trifft, auch dann wieder, nachdem er angeblich mit seiner Freundin Schluss gemacht hat, gibt das durchaus Anlass, auch einmal zu lachen. Aber spätestens im zweiten Teil, wenn die Gedanken der längst nicht mehr handelnden Personen sich verwirren, als sei ihnen die Vergangenheit längst entglitten, will nicht so recht Heiterkeit aufkommen. Auch nicht, als das Ganze komplett wiederholt wird.

          Aber die Beklemmung, die einen heimsucht, passt ja bestens zur aktuellen Situation. Die Volksbühne hat ein Experiment gewagt, dem man viele Besucher wünscht. So viele eben, wie in den Saal dürfen. Auch wenn die Vorstellung Erwartungen womöglich konterkariert.

          Nächste Vorstellungen am 19., 25. und 27. September von jeweils 19.30 Uhr an.

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