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Frankfurter Volksbühne : Humor gegen die Weltuntergangsstimmung

Hat aufgerüstet: Michael Quast, Intendant der Frankfurter Volksbühne, ist auf den Spielstart vorbereitet. Bild: dpa

Die Frankfurter Volksbühne nimmt ihr Programm wieder auf. Mit Gedichten und Geschichten von Friedrich Stoltze will Michael Quast, Intendant der Volksbühne, den Spielstart bestreiten.

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          Sie hebt wieder ab. Die eigentlich gar nicht mehr Fliegende, weil seit Januar nach jahrelangem Irrflug endlich dauerhaft im Cantate-Saal am Großen Hirschgraben angesiedelte Volksbühne spreizt jetzt zweimal wieder die monatelang von Corona niedergedrückten poetischen Schwingen. Prinzipal Michael Quast gibt ein Soloprogramm. Am 3. und 4. Juli jeweils um 19.30 Uhr. Mit Texten des postum dazu avancierten Hausautors Friedrich Stoltze, der ziemlich genau Bescheid wusste, wie Menschen in einer unsicheren Lage reagieren. 64 Besucher statt 370 sind im Parkett und auf dem Balkon zugelassen. Sie müssen den üblichen Abstand von anderthalb Metern beachten. „Das entscheidende Kriterium aber“, sagt Quast, „sind diese fünf Quadratmeter pro Zuschauer, die eingehalten werden müssen. Allein von den Abstandsregeln her könnten wir mehr Zuschauer unterbringen.“ Wenn man so durch die Stadt gehe und sehe, wie überall der Normalzustand herrsche, wundere man sich schon über die strengen Auflagen für die Theater. Aber er nehme die Herausforderung an. Die Volksbühne habe aufgerüstet. Etwa mit Schutzmasken für das Personal.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch das Publikum wird sich umgewöhnen müssen. Die Karten sind nur online zu bestellen (www.volksbuehne.net). Dabei werden die Kontaktdaten aufgenommen, um später eine mögliche Infektion nachvollziehen zu können. Die Besucher müssen sich an die Hygienevorschriften halten. Trotzdem verspricht Quast, dass es ein lustiger Abend wird. „Man sitzt da wie in einer schlecht verkauften Vorstellung, in der die Theaterleute auch immer versuchen, das Beste daraus zu machen. Ein Gefühl, das uns eigentlich nicht mehr so bekannt war.“ Es hatte nach vielen Irrungen und Wirrungen doch so gut angefangen im neuen Haus. Das Publikum strömte, die Kritiken waren blendend. „Alles war so schön in Schwung gekommen“, erinnert sich der Theaterleiter. „Dann kam die Vollbremsung.“

          Überleben nur mit zusätzlichen Fördermitteln

          Wie geht es in der nächsten Saison weiter? „Alles, was wir jetzt überlegen, geschieht unter Vorbehalt“, sagt Quast. „Wir planen kleine, günstige Produktionen, bei denen es nicht so schlimm ist, wenn sie nochmals verschoben werden müssen oder ganz ausfallen.“ Überleben könne die Bühne nur, wenn sie zusätzliche Fördermittel erhalte. „Was wir bei den beschränkten Zuschauerplätzen einnehmen können, reicht, um das Haus zu öffnen, die Hygienemaßnahmen zu treffen, das Personal im Vorderhaus und die Techniker zu bezahlen.“ Für das, was auf der Bühne passiere, schreibe er fleißig Anträge.

          Es geht langsam wieder los. Auch mit Gastspielen und da und dort einem Auftritt unter freiem Himmel. Für den Wiederbeginn an der dauerhaften Spielstätte hat Quast etwas Mundartliches ausgesucht. Er schöpft aus dem Material, das Stoltze hinterlassen hat. Zwar hat er die Corona-Krise nicht vorausgesehen, aber in einer Zeit gelebt, die von Weltuntergangsstimmung geprägt war. Das war nach 1850. Die Leute dachten, ein Komet stürze auf die Erde. Es gab eine Wirtschaftskrise, und niemand hatte eine Erklärung dafür. „Alle waren sehr verunsichert“, sagt Quast. „Wie Stoltze sich über die Reaktion der Leute lustig macht, das ist ganz wunderbar.“

          Eine Stunde dauert die Veranstaltung. Garderobe und Getränke werden nicht geboten. Aber es werde sehr unterhaltsam, und das sei ja nicht unwesentlich. „Stoltze schlägt aus der Krisensituation humoristische Funken.“ Und das in bestem Frankfurterisch und heruntergebrochen auf die Stadt. Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch Stoltze vom Sockel gestoßen wird wie derzeit so viele Männer aus seinem Jahrhundert. „Er hat gegen Antisemiten polemisiert“, weiß Quast. Möglicherweise fänden sich Klischees über „Mohren“ in seinen Texten. Aber auch solche über Engländer. Und Frauenfeindlichkeit? Quast lacht: „Auch Männerfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit, Frankfurt-Feindlichkeit, Offenbach-Feindlichkeit.“

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