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Frankfurter Theatergeschichte : Die Schauspielerin Inge Rassaerts erzählt

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In Rhodesien machten sich Termiten über die Kostüme her, in Rom gab es keine Kulissen. "Aber die Erinnerung ist ein Weichzeichner", weiß Inge Rassaerts. Heute kann die Schauspielerin, die derzeit als ...

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          In Rhodesien machten sich Termiten über die Kostüme her, in Rom gab es keine Kulissen. "Aber die Erinnerung ist ein Weichzeichner", weiß Inge Rassaerts. Heute kann die Schauspielerin, die derzeit als Brautmutter in Claus Helmers "Komödie" auftritt, darüber lachen, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie mit ihren Kollegen 1968 in Cinecitta immerhin einige Kostüme zusammenraffen konnte, um Lessings "Minna von Barnhelm" zu improvisieren. "Die Römer fanden es toll, daß es Deutsche gab, die nicht perfekt waren", erinnert sie sich. Die römische Hauptstadt war letzte Station auf einer Tournee rund um die Welt: In 17 Tagen hatte das Frankfurter Ensemble "Die Brücke" 74 Vorstellungen vor 35 000 Zuschauern in Australien, Neu-Guinea, Neuseeland, den Vereinigten Staaten, Kanada, Jamaica und Italien gegeben.

          Schon zehn Jahre vorher war es der gebürtigen Wienerin und Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars am Düsseldorfer Schauspiel langweilig geworden. Nicht einmal Kollegen wie Werner Kraus, Anton Wohlbrück, Rudolf Forster und Käthe Dorsch konnten sie halten. Nach drei Jahren unter der Intendanz von Karl Heinz Stroux wanderte sie für ein Jahr an die Kammerspiele in Santiago de Chile aus, um für deutsche Einwanderer Theater zu spielen. Dort begegnete sie dem Regisseur Dieter Brammer, ihrem späteren Mann, und dem Hesselbach-Buben Joost Siedhoff. Im Jahr darauf trafen sich die drei an Frankfurts Städtischen Bühnen wieder. Voller Begeisterung über die Resonanz auf deutsches Theater im Ausland gründeten sie 1960 "Die Brücke - Deutsches Ensemble für Übersee", um mit der Schauspielkunst Brücken zu schlagen zwischen Völkern und Kulturen.

          "Alle haben uns damals geholfen", erinnert sich Inge Rassaerts dankbar: Generalintendant Harry Buckwitz und Schauspieldirektor Heinrich Koch, die einige ihrer Schauspieler alle zwei Jahre für eine halbe Spielzeit in die weite Welt ziehen ließen, sowie Kulturdezernent Karl vom Rath, der innerhalb von 14 Tagen 10 000 Mark zur Verfügung stellte, damit sich das Ensemble einen gebrauchten VW-Bus kaufen konnte. Schließlich mußte man die Kulissen ja irgendwo unterbringen - Flugreisen konnte sich damals noch niemand leisten. Die Frankfurter Bankiers-Familie Gontard vermittelte Gastspiele in New York, auch die Kulturabteilung des Auswärtigen Amts und das Goethe-Institut unterstützten die Schauspieler. 1964 übernahm das Goethe-Institut die Gesamtfinanzierung, 1967 trennte sich Inge Rassaerts vom Frankfurter Schauspiel und zog nach München, um in der Nähe ihres Auftraggebers zu sein.

          Nun fanden die Generalproben nicht mehr im Bürgersaal Dornbusch, sondern in den Münchner Kammerspielen statt. Bis 1973 bereiste die Schauspielerin zuerst mit nur vier, später mit bis zu 17 Kollegen 90 Länder, legte insgesamt 600 000 Kilometer per Schiff und Kleinbus zurück und trat vor mehr als einer Million Zuschauern auf. Herbert Mensching, Antje Weißgerber, Erich Schellow, Peter Lühr und Harald Dietl waren mit von der Partie. "Wir waren enthusiastisch und risikofreudiger als die Leute heutzutage", erinnert sich Inge Rassaerts. Das Repertoire wuchs mit dem Ensemble: Lessings "Nathan", Goethes "Mitschuldige" und Borcherts Heimkehrerstück "Draußen vor der Tür" wurden begeistert in aller Welt aufgenommen. "Wir spielten Brecht, Kafkas ,Prozeß' und Büchners ,Woyzeck' mit Peter Striebeck in der Titelrolle und fragten nicht, was uns das bringt."

          An Widrigkeiten mag sich die Schauspielerin nicht mehr erinnern. "Das finde ich jetzt unwesentlich." Dabei ging auf den sieben Welt- und fünf Europa-Tourneen keineswegs alles glatt. An manches Visum gelangten die Schauspieler nur, weil sie sich als Kaufleute ausgaben, und ein Unfall in der afghanischen Wüste war auch nicht geplant. In New York schneiten sie ein, in Kampala mußten sie ihren Auftritt verlegen, weil Louis Armstrong ihnen in die Quere gekommen war. Nur mit den Soziademokraten daheim wurden sie nicht mehr fertig. Anfang der Siebziger zog ein neuer Geist auch ins Goethe-Institut ein. "Plötzlich fand man unsere Auslandstourneen zu elitär", erinnert sich Inge Rassaerts. Ohne Geldgeber löste sich "Die Brücke" 1974 auf.

          Zwischen ihren Tourneen hatte die Schauspielerin zwei Kinder zur Welt gebracht. Nun konnte sie sich mehr der Familie widmen. Aber die Bühne ließ sie nicht los. Sie trat im Münchner Volkstheater mit Otto Schenk auf, gastierte acht Mal in der Frankfurter Komödie und 27 Jahre lang bei den Festspielen in Heppenheim, wo sie alle möglichen Rollen im "Jedermann" spielte. Ihre Lieblingsrolle als Kultur-Botschafterin hat sie erst vor fünf Jahren wiederentdeckt. Als das Goethe-Institut 50 Jahre alt wurde, hielt Inge Rassaerts einen Festvortrag über "Die Brücke". "Und dann begann die Erinnerung in mir zu wuchern", gesteht sie. Also verfaßte sie gemeinsam mit der Kollegin Ursula Dirichs ein Erinnerungsbuch, das unter dem Titel "Die Brücke - Deutsches Ensemble für Übersee" im Eigenverlag erschien. Die 100 Exemplare sind jedoch fast vergriffen und eine Neuauflage des üppig illustrierten Bands internationaler Frankfurter Theatergeschichte ist im Eigenverlag zu kostspielig. Am 1. Mai um 11 Uhr wird die Schauspielerin aber im Kleinen Saal des Logenhauses Finkenhof (Finkenhofstr. 17) von den Gastspielreisen der "Brücke" erzählen und Lichtbilder zeigen, denn Inge Rassaerts spürt: "Hier schließt sich ein Kreis." CLAUDIA SCHÜLKE

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