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Frankfurter Theater Katakombe : Gute Laune in schlechten Zeiten

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Katakombe ehedem: Szene aus „Friede den Hütten, Krieg den Palästen” Bild: Katakombe Frankfurt

Das freie Frankfurter Theater Katakombe wird 50 Jahre und hat große Pläne zum Jubiläum – obwohl der Kampf mit finanziellen Engpässen den Alltag bestimmt.

          Die Szene der kleinen Theater in Frankfurt ist ein Kommen und Gehen – Spielstätten wie das Titania schließen, um zehn Jahre später wieder zu öffnen, andere wie die Landungsbrücken kommen dazu, Ensembles wie das Institut für plötzliche Bewegung oder Schlicksupp Theatertrupp verschwinden, und neue wie Alma Virtual tauchen auf. Und vertraute Gesichter versammeln sich unter neuer Bezeichnung wie das Frankfurter Autorentheater. Kontinuität markieren da Institutionen wie Volkstheater und Schmiere oder wie die Katakombe, die jetzt auf 50 Jahre zurückblickt und hofft, zum Jubiläum auch etwas zu feiern zu haben.

          Begonnen hatte das Theater in einem der alten Gewölbekeller, in der Schützenstraße neben dem noblen Weinhaus Brückenkeller gelegen. Akteure verschiedener Stadttheater wie der Regisseur Fréderic Ribell schufen sich hier ein Forum für einen eigenständigen Ausdruck, brachten eigene Schauspieler mit, holten in der Regel die Miete mit den Eintrittsgeldern wieder herein. 1970 stieß der aus Frankfurt stammende und in München an der Zerboni-Schauspielschule ausgebildete Marcel Schilb dazu und ist seitdem so etwas wie das Gesicht des Hauses. Nach der Arbeit an rund einem Dutzend kommunalen Bühnen wollte er formal und thematisch etwas anderes machen, wollte in einem „linken Theater“ die soziale Gerechtigkeit oder die gesellschaftlichen Verhältnisse ins Bewusstsein spielen.

          Einst 10.000 Mark Schulden

          Seinen Einstand gab er mit „Leonce und Lena“ auf einer Bühne ohne Requisiten und mit Trainingsanzügen statt in klassischen Kostümen. Es folgte ein absurdes Stück von Picasso, das der Künstler während einer Malpause im Krieg geschrieben hatte. Da war schon die erste Krise im Keller angekommen. 10.000 Mark Schulden waren aufgelaufen, trotz vollbesetzter Vorstellungen. Der damalige Kulturdezernent Karl vom Rath (FDP) sah keinen Bedarf für ein solches Theater und verweigerte die Hilfe. Die kam dafür aus Hamburg, wo die Frankfurter mietfrei im Theater an der Landwehr spielen konnten und mit „Brecht was here – wow“ monatelang ausverkauft waren.

          Eine neue Chance in Frankfurt ergab sich mit dem Amtsantritt von Hilmar Hoffmann (SPD), der städtische Zuschüsse ermöglichte. Zusatzeinnahmen erschloss sich die Katakombe mit einem Kinderprogramm, in dem die Stücke vom Grips-Theater vier Wochen nach dem Start in Berlin „westdeutsche Premiere“ hatten.

          Das Defizit wuchs

          Die neue Erfolgsgeschichte bescherte aber auch Lasten. Bei annähernd gleichen Kosten brachte ein mit 150 Plätzen ausverkauftes Kinderstück weniger Geld ein als 30 abgesetzte Karten einer Abendvorstellung. So wurde 1980 ein Defizit von 80.000 Mark eingespielt, obwohl der städtische Zuschuss mit 275.000 Mark auf Rekordhöhe angekommen war. Von 1982 an wurde die städtische Förderung um jährlich zehn Prozent gekürzt, 1985 ganz gestrichen und 1989 aber mit 150.000 Mark wieder bewilligt. Die Spieler überlebten nicht mit ihrem Programm im Keller, sondern auf Tournee. Wo immer Landtagswahlen stattfanden, lieferten sie Sozialdemokraten, Grünen und Gewerkschaften mit der „Weltbühnen-Revue“ das Rahmenprogramm. Zudem bereicherte mit „Woyzzeck“ ein Dauerbrenner das Repertoire, der rasch auf 250 Aufführungen kam. Bis heute wird Büchners Stück immer wieder gespielt und ist vor allem bei Schulen gefragt. Und mit Hans Eislers Libretto „Johannes Faustus“ wurde vor allem bei Gastspielen Kasse gemacht.

          Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat die Katakombe die Liebe zur Musik entdeckt, die in Gesang und Tanz ausgebildete Carola Moritz brachte die Kompetenz dafür mit. Sie ist heute der zweite führende Kopf des Theaters und neben Schilb auch die zweite leitende Regisseurin. Seit sieben Jahren ist mit Mirjam Tertilt, die vom Gorki-Theater in Berlin nach Frankfurt kam, eine weitere Schauspielerin dauerhaft dabei. Dazu kommen wechselnde Mitspieler mit Engagements an anderen Bühnen. Vier bis fünf Darsteller stehen je Inszenierung auf der Bühne, viele übernehmen dabei mehrere Rollen.

          Alte Nikolaikirche als Bühne

          Diese Bühne ist seit 1982 an der Pfingstweidstraße zu Hause, seit der baufällige Keller aufgegeben werden musste. 1976 war hier schon das Kindertheater in das ehemalige Filmkunsttheater „Atelier am Zoo“ eingezogen. Kinder- und Jugendstücke werden seit drei Jahren nur noch sporadisch aufgeführt. Die Personaldecke ist zu knapp, bei einem bei 83 000 Euro festgeschriebenen Zuschuss der Stadt gibt es keinen Spielraum. Der wird auch nicht größer, seit die Städtischen Bühnen für die bis voriges Jahr kostenlos verliehenen Kostüme und Requisiten Geld verlangen.

          Marcel Schilb und Carola Moritz sind sich sicher, dass ihr Theater auch in Zukunft gebraucht wird. Bei mehr als 200 Vorstellungen und einer Platzauslastung von rund 65 Prozent kommen sie auf etwa 11.000 Zuschauer pro Jahr. Rund 200.000 Euro werden damit eingespielt, 100.000 Euro Zuschuss sind zur Kostendeckung nötig. Einen finanziellen Schub versprechen sich die beiden von dem Ende Oktober geplanten „Martin-Luther-Musical“. Es wird in der Alten Nikolaikirche auf dem Römerberg gespielt werden.

          Zehn Stücke im Repertoire

          Mit dem Spielangebot sieht sich das Team ganz im Trend. Zehn Stücke sind im Repertoire, darunter „Moulin Rouge“, das schon 300 Mal gespielt wurde. „Salomo“ von Oscar Wilde und passend zum Schillerjahr „Die Jungfrau von Orleans“ sollen wiederaufgenommen, Heinrich Manns „Der Untertan“ in neuer Fassung inszeniert werden. Als neue Produktion kommt „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ dazu. Und mit „Wehr dich, Mathilda“ soll es, wenn die Ressourcen reichen, im Herbst auch wieder ein Kinderstück geben.

          Die 50. Spielzeit der Katakombe wird am 10. September mit der Premiere von „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ eröffnet, Die Erstaufführung von „Martin L. - Das Luther-Musical“ von Oystein Wiik und Gisle Kverndokkist von 21. Oktober an in der Alten Nikolaikirche am Römerberg zu sehen. Informationen im Internet unter www.katakombe.de .

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